| |
Liebe
Leser,
Benutzen Sie Ihren gesunden Menschenverstand! Sicher kennen
Sie diese Aufforderung aus vielen Bereichen des Lebens. Sie ist eine Ermunterung
an Menschen, die Antwort auf scheinbar leicht zu beantwortende Fragen
im Alltag suchen. Daß die Fähigkeit, Recht von Unrecht zu unterscheiden,
etwas mit dem menschlichen Denkvermögen zu tun hat, steht außer
Zweifel. Darf es im Zeitalter der Massenvernichtungswaffen noch gerechte
Kriege geben? Der heutige Papst sagt NEIN! Der derzeitige US-Präsident
Georg W. Bush sagt JA und ruft zum Gebet auf. Wem soll man glauben?
Benutzen Sie Ihren gesunden Menschenverstand!, rate ich Zweiflern
und all denen, die sich davor scheuen, die Frage, ob es im neuen Jahrtausend
zur Diplomatie des Friedens eine kriegerische Alternative geben darf,
selbst zu beantworten. Benutzen Sie Ihren gesunden Menschenverstand!,
fordere ich die Mächtigen und den Teil der Eliten dieser Welt auf,
die den Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln in den Hirnen
und Herzen der Menschen wieder salonfähig machen möchten.
Gewiß, in der Geschichte der Menschheit gelang es nur selten, daß
Fortschritt auf friedlichem Wege herbeigeführt wurde. Nur selten
kam ein unblutiger Ausgleich zwischen althergebrachtem Recht und den neuen
Forderungen aufstrebender Gesellschaftsschichten zustande. War es da nicht
das beste, wenn ein Staatsoberhaupt entschlossen seine Macht benutzte,
den gordischen Knoten durchschlug und seinen unwilligen Untertanen und
feindlichen Ländern das vermeintlich Bessere aufzwang?
Das haben seinerzeit die Hohenzollern getan. Beginnend mit ihrem Sieg
über die Schweden, im Jahre 1675 in der Schlacht bei Fehrbellin,
bis zum Sieg über Frankreich und zur Ausrufung des deutschen Kaisers
1871 im Spiegelsaal von Versailles rangen sie um eine Vormachtstellung
in Europa. Mancher Historiker meinte später, daß darin ihre
Größe läge. Wird die von Bush siegreich gegen den vom
Diktator Hussein beherrschten Irak geführte Koalition der Willigen
als moralische Großtat ins Geschichtsbuch der Weltgeschichte
eingehen oder nur als Fußnote?
Ist es töricht, wie es uns einige neunmalkluge Ohrenbläser weismachen
wollen, den Krieg schlechthin als ein Unrecht, als ein vermeidbares Übel
hinzustellen? Vielleicht vertritt die Bush-Administration gar die Ansicht
des preußischen Generalfeldmarschalls von Moltke? Noch vor 150 Jahren
meinte dieser unumwunden: Der ewige Frieden ist ein Traum, und nicht
einmal ein schöner, und der Krieg ist ein Glied in Gottes Weltordnung.
In ihm entfalten sich die edelsten Tugenden des Menschen, Mut und Entsagung,
Pflichttreue und Opferwilligkeit mit Einsatz des Lebens. Ohne den Krieg
würde die Welt im Materialismus versumpfen. Krieg war immer
Synonym für Tapferkeit und Ehre, Heldenmut und Heldentot nicht
nur in Preußen. Noch immer nehmen diese Begriffe, als edle Tugenden
verklärt, Berufssoldaten und dienstverpflichtete Rekruten ebenso
in Anspruch wie hochbezahlte Söldner und fanatische Selbstmordattentäter.
Oft beseelt im festen Glauben, daß ihr Gott mit ihnen ist. Bestärkt
in ihrem Handeln von vermeintlichen religiösen Vorbildern und unfehlbar
erscheinenden Staatsoberhäuptern. Was zeichnet heute einen verantwortungsvollen
Staatsmann aus? Können Sie sich vorstellen, verehrte Leserin, lieber
Leser, daß der heutige amerikanische Präsident Moltkes fragwürdigen
geistigen Ergüssen folgt? Benutzen Sie Ihren gesunden Menschenverstand!
Wer die nachdrückliche Forderung nach friedlicher Konfliktlösung
mit gesundem Menschenverstand gleichsetzt, stellt fest: Der heutige Papst
hat ihn, den gesunden Menschenverstand. Kein Katholik sollte an Papst
Pauls richtiger Interpretation der Bibel zweifeln. Zweifeln Sie? Bei einigen
führenden deutschen Christdemokraten scheinen die mahnenden Worte
von Gottes Stellvertreter auf Erden nicht auf sehr fruchtbaren Boden zu
fallen. Sollte eine Partei überhaupt das Wort Christlich
im Namen führen, wenn sie für ihre Mitglieder das Gebot Du
sollst nicht töten offenbar nur dann gelten läßt,
wenn es ihren politischen Interessen und Zielen nicht entgegenwirkt? Benutzen
Sie Ihren gesunden Menschenverstand!
Mein gesunder Menschenverstand sagt mir, daß Kriege vermeidbar sind
und vermieden werden müssen. Er sagt mir, daß sich unsere zerbrechliche
Welt weder ein neuen Kreuzzug noch einen kriegerischen Kampf um die Neuaufteilung
der Welt leisten kann. Die Geschichte lehrt, daß Weltreiche untergingen.
Die Geschichte lehrt, daß Staaten, die sich unter dem Vorwand, daß
ihre Interessen gefährdet seien, in die Angelegenheiten fremder Völker
einmischten, ihre Vormachtstellung früher oder später wieder
schmerzvoll oder bei Strafe des eigenen Untergangs einbüßten.
Wer die Geschichte vergißt, wird die Zukunft nicht gestalten können.
Oder doch? Bitte schreiben Sie uns, was Ihnen Ihr gesunder Menschenverstand
rät. Auf Ihre Zuschriften freut sich
Ihr
Juri Klugmann
|