Editorial Mai / Juni 2003

               
 

Liebe Leser,

“Benutzen Sie Ihren gesunden Menschenverstand!” Sicher kennen Sie diese Aufforderung aus vielen Bereichen des Lebens. Sie ist eine Ermunterung an Menschen, die Antwort auf scheinbar leicht zu beantwortende Fragen im Alltag suchen. Daß die Fähigkeit, Recht von Unrecht zu unterscheiden, etwas mit dem menschlichen Denkvermögen zu tun hat, steht außer Zweifel. Darf es im Zeitalter der Massenvernichtungswaffen noch “gerechte Kriege” geben? Der heutige Papst sagt NEIN! Der derzeitige US-Präsident Georg W. Bush sagt JA und ruft zum Gebet auf. Wem soll man glauben?

“Benutzen Sie Ihren gesunden Menschenverstand!”, rate ich Zweiflern und all denen, die sich davor scheuen, die Frage, ob es im neuen Jahrtausend zur Diplomatie des Friedens eine kriegerische Alternative geben darf, selbst zu beantworten. “Benutzen Sie Ihren gesunden Menschenverstand!”, fordere ich die Mächtigen und den Teil der Eliten dieser Welt auf, die den Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln in den Hirnen und Herzen der Menschen wieder salonfähig machen möchten.

Gewiß, in der Geschichte der Menschheit gelang es nur selten, daß Fortschritt auf friedlichem Wege herbeigeführt wurde. Nur selten kam ein unblutiger Ausgleich zwischen althergebrachtem Recht und den neuen Forderungen aufstrebender Gesellschaftsschichten zustande. War es da nicht das beste, wenn ein Staatsoberhaupt entschlossen seine Macht benutzte, den gordischen Knoten durchschlug und seinen unwilligen Untertanen und “feindlichen” Ländern das vermeintlich Bessere aufzwang? Das haben seinerzeit die Hohenzollern getan. Beginnend mit ihrem Sieg über die Schweden, im Jahre 1675 in der Schlacht bei Fehrbellin, bis zum Sieg über Frankreich und zur Ausrufung des deutschen Kaisers 1871 im Spiegelsaal von Versailles rangen sie um eine Vormachtstellung in Europa. Mancher Historiker meinte später, daß darin ihre Größe läge. Wird die von Bush siegreich gegen den vom Diktator Hussein beherrschten Irak geführte “Koalition der Willigen” als “moralische Großtat” ins Geschichtsbuch der Weltgeschichte eingehen oder nur als Fußnote?

Ist es töricht, wie es uns einige neunmalkluge Ohrenbläser weismachen wollen, den Krieg schlechthin als ein Unrecht, als ein vermeidbares Übel hinzustellen? Vielleicht vertritt die Bush-Administration gar die Ansicht des preußischen Generalfeldmarschalls von Moltke? Noch vor 150 Jahren meinte dieser unumwunden: “Der ewige Frieden ist ein Traum, und nicht einmal ein schöner, und der Krieg ist ein Glied in Gottes Weltordnung. In ihm entfalten sich die edelsten Tugenden des Menschen, Mut und Entsagung, Pflichttreue und Opferwilligkeit mit Einsatz des Lebens. Ohne den Krieg würde die Welt im Materialismus versumpfen.” Krieg war immer Synonym für Tapferkeit und Ehre, Heldenmut und Heldentot – nicht nur in Preußen. Noch immer nehmen diese Begriffe, als edle Tugenden verklärt, Berufssoldaten und dienstverpflichtete Rekruten ebenso in Anspruch wie hochbezahlte Söldner und fanatische Selbstmordattentäter. Oft beseelt im festen Glauben, daß ihr Gott mit ihnen ist. Bestärkt in ihrem Handeln von vermeintlichen religiösen Vorbildern und unfehlbar erscheinenden Staatsoberhäuptern. Was zeichnet heute einen verantwortungsvollen Staatsmann aus? Können Sie sich vorstellen, verehrte Leserin, lieber Leser, daß der heutige amerikanische Präsident Moltkes fragwürdigen geistigen Ergüssen folgt? Benutzen Sie Ihren gesunden Menschenverstand!

Wer die nachdrückliche Forderung nach friedlicher Konfliktlösung mit gesundem Menschenverstand gleichsetzt, stellt fest: Der heutige Papst hat ihn, den gesunden Menschenverstand. Kein Katholik sollte an Papst Pauls richtiger Interpretation der Bibel zweifeln. Zweifeln Sie? Bei einigen führenden deutschen Christdemokraten scheinen die mahnenden Worte von Gottes Stellvertreter auf Erden nicht auf sehr fruchtbaren Boden zu fallen. Sollte eine Partei überhaupt das Wort “Christlich” im Namen führen, wenn sie für ihre Mitglieder das Gebot “Du sollst nicht töten” offenbar nur dann gelten läßt, wenn es ihren politischen Interessen und Zielen nicht entgegenwirkt? Benutzen Sie Ihren gesunden Menschenverstand!

Mein gesunder Menschenverstand sagt mir, daß Kriege vermeidbar sind und vermieden werden müssen. Er sagt mir, daß sich unsere zerbrechliche Welt weder ein neuen Kreuzzug noch einen kriegerischen Kampf um die Neuaufteilung der Welt leisten kann. Die Geschichte lehrt, daß Weltreiche untergingen. Die Geschichte lehrt, daß Staaten, die sich unter dem Vorwand, daß ihre Interessen gefährdet seien, in die Angelegenheiten fremder Völker einmischten, ihre Vormachtstellung früher oder später wieder schmerzvoll oder bei Strafe des eigenen Untergangs einbüßten. Wer die Geschichte vergißt, wird die Zukunft nicht gestalten können. Oder doch? Bitte schreiben Sie uns, was Ihnen Ihr gesunder Menschenverstand rät. Auf Ihre Zuschriften freut sich

Ihr Juri Klugmann


       
     
       

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