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Liebe
Leser,
noch nie in der deutschen Nachkriegsgeschichte hat es in westdeutschen
Flächen-Bundesländern eine derartig dramatische Wechselstimmung
bei Wahlen gegeben wie diesmal in Hessen und Niedersachsen: ein fulminanter
Sieg für die CDU, eine erdrutschartige Niederlage für die SPD!
Gewiß, bei Landtagswahlen ist in erster Linie die Landespolitik
ausschlaggebend, doch selten zuvor spielten bundespolitische Aspekte eine
so große Rolle wie am 2. Februar 2003. Neben den anhaltend schlechten
Wirtschaftsdaten ein stagnierendes Wachstum, gepaart mit einer
weiter steigenden Arbeitslosigkeit kamen offensichtlich jetzt auch
außenpolitische Gründe hinzu, die in Niedersachsen, dem Land,
aus dem Bundeskanzler Schröder stammt, die Wähler zu Scharen
in die Arme der Opposition trieben und die in Hessen die bislang knappe
Regierungsmehrheit so beeindruckend bestätigten, daß daraus
sogar eine absolute Mehrheit für die CDU wurde und das in
einem traditionellen SPD-Land!
Anscheinend haben die Wähler dem deutschen außenpolitischen
Sonderweg der rot-grünen Bundesregierung eine schallende Ohrfeige
verpaßt. Hatte sie mit der Warnung vor einem Irak-Krieg die Bundestagswahl
im September 2002 gerade noch gewinnen können, so zahlte sich der
Versuch einer Wiederholung dieser Taktik nun nicht mehr aus. Um die für
die SPD negativen Umfragewerte erneut ins Gegenteil zu verkehren, hatten
ihre Spitzenkandidaten in den beiden Landtagswahlkämpfen wieder die
aktuelle politische Großwetterlage, den drohenden Irak-Krieg, beschworen
und dabei den Leuten klarzumachen versucht, daß Deutschland sich
unter einer SPD-Führung in jedem Fall aus diesem heraushalten würde.
Vorgegeben wurde diese Marschroute durch den Bundeskanzler, der mit dieser
unbeirrten Haltung seit Beginn des Jahres 2003 einen außenpolitischen
Scherbenhaufen anrichtete, welcher in der deutschen Geschichte seit 1945
ohne Beispiel ist. Erst wurden die Verbündeten USA und Großbritannien
unnötig verprellt, indem man sie als maßlose Kriegstreiber
darstellte, dann suchte man den Schulterschluß mit Frankreich, das
sich gleichwohl anders als Deutschland jegliche Option offenhielt, was
in Berlin scheinbar nicht registriert wurde. Zuletzt glaubte sich der
Bundeskanzler in seiner Selbstgerechtigkeit sogar noch mit den Vereinten
Nationen anlegen zu müssen, indem er erklärte, Beschlüsse
des UN-Sicherheitsrates schlichtweg ignorieren zu wollen. Denn als nichts
anderes darf ja der Hinweis gedeutet werden, unter allen Umständen
gegen einen Irak-Krieg zu sein, also auch dann, wenn dieser vom Weltsicherheitsrat
beschlossen würde.
Schröder hat mit seiner Haltung Deutschland außenpolitisch
weitgehend isoliert und überdies das deutsch-amerikanische Verhältnis
nachhaltig beschädigt. Es galt in der Nachkriegspolitik über
alle Parteigrenzen hinweg bisher als unumstößlich, internationale
Krisen und Konflikte gemeinsam im transatlantischen Bündnis anzugehen
und sich dabei gegenseitig zu unterstützen. Dieses Konsens-Prinzip
hat Schröder spätestens seit Mitte 2002 aufgekündigt um
des reinen Machterhaltes willen, indem er dumpfe Kriegsängste, vermischt
mit antiamerikanischen Tönen, in die Wahlkämpfe einfließen
ließ. Bei der Bundestagswahl funktionierte das gerade noch, in den
beiden Landtagswahlen ging die Wählermehrheit dem Rattenfänger
aus Berlin nicht noch einmal auf den Leim.
Haben Sie sich auch gewundert, daß der Bundeskanzler die deutsch-amerikanischen
Beziehungen so leichtfertig aufs Spiel setzte? Schaut man zurück
auf die Lebensläufe eines Großteils der heute in Berlin Regierenden,
so braucht man eigentlich gar nicht mehr erstaunt zu sein. Als Schröder
1998 an die Macht gelangte, betonten manche Medien, daß nun die
alten 68er auch ihr letztes Ziel erreicht hätten. In der außerparlamentarischen
Bewegung nach 1968 hatte man geschworen, den Marsch durch die Instanzen
anzutreten, und dabei war man in den folgenden Jahrzehnten in der Tat
sehr erfolgreich. Die angestrebte Veränderung der Gesellschaft darf
heute größtenteils als gelungen angesehen werden.
Vergessen Sie nicht: Ein Kennzeichen der 68er Bewegung war die ausgeprägte
antiamerikanische Haltung, hervorgerufen durch den Vietnam-Krieg, in dem
man die USA als Inkarnation des Bösen btrachtete. Schröder und
etliche andere seiner Weggefährten aber, die heute das politische
Berlin dominieren, entstammen eben jener 68er Bewegung, und so ist es
eigentlich nur folgerichtig, daß sie ihre damalige antiamerikanische
Denkweise nun, da sie in der Verantwortung stehen, in praktische Politik
ummünzen. Wie lange sich die nachwachsende Generation das noch gefallen
läßt, bleibt abzuwarten. Viele jedoch haben schon jetzt mit
ihrem Wahlzettel die Alt-68er deutlich in ihre Schranken verwiesen. Ein
Hoffnungsschimmer für das Aufbrechen politisch verkrusteter Strukturen
in Deutschland? Wir freuen uns auf Ihre Meinung.
Wolfgang
Reith
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