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Sinai: eine Wüstenhalbinsel am Roten Meer. Leere
Wüste, Beduinen, Korallenriffe, irgendwo ein paar Tauchtouristen. Ansonsten gibt es hier nur unendliche Entfernungen
auf schlechten Wüstenstraßen, auf denen die Welt manchmal nur noch aus unten und oben zu bestehen scheint.
Das Kernland bildet eine schier unbezwingbare kantige Felswüste. Wie lebt man dort als deutscher Auswanderer?
Durch einen Zufall stoße ich im Beduinen-Dorf aus lauter Baracken bei Dahab auf einen Deutschen,
der gemütlich in einem Schmuckbasar Wasserpfeife raucht. Draußen prangt ein deutscher Name auf dem Schild.
Da hat doch nicht etwa... Nein, das kann doch gar nicht sein. Ich wische mir die Augen, aber “Roland” raucht noch
immer Wasserpfeife.
Roland hat Sozialpädagogik studiert, ist währenddessen für einige Wochen nach Ägypten gereist
und hat “schon in den ersten 5 Minuten” entschieden: “Das ist mein Land!” “Ich habe mich sofort verliebt in dieses
Land”, beginnt er und schwärmt warm von der offenen Mentalität der Ägypter, der Wärme, der
Hilfsbereitschaft, dem sonnigen Wetter. Der Rauch der Wasserpfeife verbreitet seinen süßlichen Duft.
Hier sitzt nun der Sozialpädagoge aus Bad Wörrisheim im Allgäu und feilscht um Schmuck-
und Heilsteine. Darüber brennt unerbittlich die Wüstensonne, der Staub weht in Böen draußen
an der Tür vorbei.
Robert erzählt, seit seiner ersten Reise nach Ägypten habe er das Land noch mehrmals bereist. Immer sei
er nur widerwillig und ungern nach Deutschland zurückgekehrt. “Am liebsten hätte ich die Koffer endgültig
gepackt und wäre hiergeblieben. In Deutschland kam mir alles nur kalt vor.” Irgendwann hat er dann auch die
Koffer gepackt. Zuerst hat er als Gemüseverkäufer in Dahab gearbeitet: Mit zwei anderen “Junggesellen”
wurde er schließlich Teilhaber des Lädchens. Irgendwann ist das Geschäft dann zusammengebrochen.
“Man kann einfach bei dem Laden gegenüber vorbeigehen und zu schwatzen anfangen. Das liebe ich. Ich bin hier
nie alleine.” Der Zusammenhalt der Leute ist viel stärker als in Europa, findet Roland.
Die Sprache hat er sich selbst beigebracht. “Zuerst hatte ich nur ein kleines Arabisch-Lexikon dabei, daraus habe
ich immer gelernt.” Richtig schwer sei das nicht gewesen, meint er. Nach dem Gemüse-Versuch hat er sich den
Schmuckbasar aufgebaut. “Damit habe ich mein Hobby zum Beruf gemacht. Steine haben mich schon immer fasziniert”,
erzählt er und bläst weitere Rauchwolken aus der Pfeife in die Luft. Als ich an der prachtvollen Pfeife
zu ziehen versuche, beginne ich bitter zu husten. Roland grinst. Die arabische Mentalität, sagt er, habe er
schon verinnerlicht: “Die Wärme, diese soziale Wärme und auch die Gelassenheit”. Hier seien nun seine
Wurzeln. “Ich bin zu sehr Ägypter. Deutschland ist mir fremd. Von vielem habe ich auch keine
Ahnung mehr.” Er erzählt, wie er einmal zu seiner alten Bankfiliale in Bad Wörrisheim kam und einen Menschen
hinter dem Schalter erwartete. Stattdessen gab es nur einen stummen bedrohlichen Automaten, von dessen Bedienung
er keine Ahnung hatte. “Natürlich wird es auch hier technischen Fortschritt geben, aber es wird nie so werden
wie in Europa.” Draußen sehe ich die Baracken und glaube ihm sofort, schweige aber lieber. “Deutschland ist
ein zu kaltes Land” findet Ägypten-Auswanderer Roland. Er erzählt den U-Bahn-Vergleich: Wenn er in die
Gesichter der Fahrgäste einer deutschen U-Bahn schaut, gähnt ihm schweigende Leere und verdrießliche
Laune entgegen. Wo auch immer hier Leute auf einen Bus warten, gibt es laute Plaudereien oder wilde Diskussionen.
“Vermißt Du denn gar nichts in Deutschland?” möchte ich von ihm wissen. Roland fällt vor allem
die Schokolade und seine Familie ein. Die Familie besucht er einmal im Jahr für eine Woche. “Das reicht mir
dann auch. Dann beginne ich wieder Ägypten zu vermissen.” Und die Schokolade läßt er sich manchmal
zuschicken.
Na gut, denke ich, vielleicht kann man hier als Deutscher leben, man muß aber schon sehr besonders sein.
Vielleicht möchte Roland später noch – sobald er es sich leisten kann – Rucksackreisen in den Sudan und
nach Zentralafrika machen. “Dort macht man wirkliche Erfahrungen”, meint er.
Gibt es denn etwas, was ihn hier in Ägypten stört? Nach einigem Überlegen fällt
ihm ein, daß der Klatsch der Leute eine zu große Rolle spielt. “Manchmal ist der Tratsch das einzige,
das zählt”. Aber wenn er dann auf ein Klassentreffen in Deutschland – wie letztes Jahr – fährt, dann
ist er sich sicher, das er hier richtig ist. “Als ich alle diese selbstzufriedenen Familienväter von ihrer
Arbeit erzählen haben höre, da war ich ziemlich stolz, der einzige zu sein, der etwas völlig anderes
ausprobiert hat”, berichtet er, umhüllt vom süßlichen Duft.
Text und Bilder: Alex Koensler
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