Editorial November/Dezember

               
 

Liebe Leser,

die letzten Wochen eines Jahres sollten ein besonderer Grund zur Freude sein. Doch seltsamerweise ist die Zeit zwischen den Feiertagen und dem Jahreswechsel für mich oft mit einem leicht bitteren Hauch von Wehmut verbunden. In diesen Tagen denke ich besonders an mir verbundene Menschen, mit denen ich in den letzten 40 Jahren das Fest der Freude und Familie oder Silvester irgendwann feierte, an die Großeltern, die Mutter, Tanten, Onkel und Freunde, an liebe Angehörige, die vor langem oder erst kürzlich verstorben sind. Wehmut verursachen mir auch meine gedanklichen Ausflüge in die Kindheit, die mich mehr und mehr mit der Frage beschäftigen, wie ich meine eigene Familientradition im Ausland und in einer deutsch-kanadischen Mischehe so bewahre, daß unsere Kinder sie nicht als fremd empfinden. Ich frage mich, wie ich meine sehr bewegte Familiengeschichte an meine fern der eigenen Heimat aufwachsenden Kinder so vermitteln kann, daß auch noch Enkel und Urenkel sie gern weitererzählen.

In den ersten Jahren in Kanada schien es mir zunächst sehr einfach zu sein, liebgewordene Familientraditionen wie die wunderschönen “Lichtlstunden” bei meinen geliebten Großeltern vom sächsischen Freital-Deuben nach Übersee mitzunehmen. Schließlich war es kein Problem, mit original Dresdner Stollen, schillernden Weihnachtskugeln aus Lauscha, erzgebirgischen Räuchermännchen, Weihnachtspyramiden und Nußknackern auch meine kanadischen Kinder und Verwandten zu begeistern. In den letzten 15 Jahren hat sich auch in Udora, Ontario, vieles angesammelt, was zu einer typisch sächsischen Weihnacht gehört. Kathleen und Serge waren von Anbeginn von handgeschnitzten Holzfiguren und Weihnachtsbaumschmuck aus dem fernen Sachsen und den deutschen Weihnachtsleckereien begeistert. Die weltbekannten Weihnachtslieder “Stille Nacht, heilige Nacht” und “Oh Tannenbaum” werden auch in Nordamerika gern gehört und gesungen. Musik kennt bekanntlich keine Grenzen. An deutschen Weihnachtsmessen/-märkten herrscht auch in den USA und Kanada kein Mangel. Viele Bräuche wandern mit den Auswanderern aus.

Schwieriger ist das Nahebringen der Familiengeschichte. Beispielsweise, wie man in der Heimat der Vorfahren, sie lag in meinem Fall östlich der Elbe, Weihnachten und den Jahreswechsel feierte. Viele Nordamerikaner kennen Deutschland und erst recht die DDR nur aus Büchern und den Medien. Für sie ist es kaum möglich nachzuvollziehen, wie der Familienalltag in Sachsen, Thüringen oder Mecklenburg-Vorpommern verlief, wenn schon aus Westdeutschland stammende Landsleute, mitunter mit einem Anflug von ehrlichem Mitleid, fast flüsternd, fragen: “Sie müssen im Osten sehr gelitten haben, Herr Klugmann”. Nein, meine Geschwister und ich gehören nicht zur Gruppe derjenigen Landsleute, die nach der Devise “Lerne stöhnen ohne zu leiden” noch heute darüber jammern, welche Entbehrungen sie zu DDR-Zeiten auf sich nehmen mußten. Unsere Familie war, gemessen am heutigen Maßstab, zwar nicht reich, aber gelitten haben wir nicht. Gelitten und Entbehrungen auf sich genommen haben unsere Großeltern und Eltern, die mit nichts als mit dem, was sie auf dem Leibe trugen, 1945 aus Kolberg in Pommern im ausgebombten Dresden und im unbekannten Veltheim/ Westfalen ankamen. Sie mußten im geteilten Nachkriegs-Deutschland zurechtkommen und unsere Generation aufziehen. Doch wer will Familien- und Weihnachtsgeschichten dieser Art heute überhaupt noch wissen? Die eigene Familiengeschichte und Biographie steht oft im Widerspruch zu dem, was unsere Kinder und Enkel in den hiesigen Medien und Schulbüchern erfahren. Aus diesem Informationsangebot erwachsen leider viel zu oft Klischeevorstellungen, und Klischees halten sich bekanntlich hartnäckiger als Tatsachen.

Vielleicht haben Sie, liebe Leserinnen und lieber Leser, Ähnliches erlebt und möchten davon erzählen. Ich wünsche mir, daß Sie uns Ihre Ansichten zum Thema “Familiengeschichte – bewahren oder vergessen?” schreiben, weil ich mir durch unseren öffentlichen Gedankenaustausch Antwort auf die Frage erhoffe, wie wir unsere Familiengeschichte an unsere Kinder und Enkel so weitergeben können, daß sie uns interessiert zuhören. Ich bin gespannt darauf, ob und wie Sie es schaffen, Erlebtes aus der Vergangenheit so zu vermitteln, daß es den jungen Menschen von heute, die in einem völlig anderen Kultur- und Wertekreis leben, nicht als alter Hut von gestern erscheint, sondern von ihnen als Familientradition erfahren wird, die es wert ist, bewahrt zu werden.

Ich wünsche Ihnen und uns ein besinnliches Weihnachtsfest, glückliche Feiertage und ein friedliches neues Jahr. Auf Ihre Zuschriften freut sich Ihr

Juri Klugmann

       
     
       

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