EU soll den Nationalstaat nicht ersetzen
  Junge Leute orientieren sich in der europäischen Gemeinschaft
 

Seit Gründung der ersten Europäischen Organisation, der Europäischen Kohle- und Stahlgemeinschaft vor fast 50 Jahren, hat sich das Staatenbild Europas grundlegend verändert. War die Entstehung der Europäischen Gemeinschaft hauptsächlich vom Bestreben der 6 Gründungsstaaten in den Nachkriegsjahren geprägt, den neu- gefundenen Frieden in Europa in wirtschaftlicher Zusammenarbeit fest und langfristig zu verankern, so stellt die EU heute weit mehr dar als eine lose, rein wirtschaftliche Kooperation zwischen Staaten: tatsächlich kann heute zum ersten Mal in der Geschichte des Kontinents von einem vereinten Europa die Rede sein. Längst fungiert die EU nicht mehr nur als Fundament des europäischen Friedens, sondern bildet mehr und mehr einen politischen und wirtschaftlichen Zentralpunkt sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene.

Mittlerweile ist die EU auf fast allen Gebieten, ob wirtschaftlicher, sozialer oder politischer Natur, in die Entscheidungen ihrer 15 Mitgliedsstaaten involviert und dringt kontinuierlich in neue Bereiche, wie zum Beispiel die Außen- und Verteidigungspolitik, vor. Heute, kurz vor dem Millenium, steht die EU an einer weiteren Schwelle: die Währungsunion mit Einführung des EURO als einzig gültiges Zahlungsmittel in allen Mitgliedsländern ist der bisher größte Meilenstein in der Entwicklung der EU. Gleichzeitig bedeutet sie eine Erweiterung der Rolle der EU, die in gewisser Weise an die Stelle des Nationalstaats tritt und einen Großteil seiner Souveränität auf diesem Gebiet übernimmt.

Besonders für junge Menschen, deren Zukunft von der weiteren Entwicklung der EU entscheidend geprägt sein wird, ist dieses Ereignis von enormer Bedeutung. Bisher war die EU für viele eine Organisation ohne großen Einfluß auf das alltägliche Leben. Zwar haben sich durch die Kooperation der Mitgliedsstaaten auf zahlreichen Gebieten gerade für junge Menschen viele Vorteile ergeben, wie zum Beispiel die Möglichkeit des Auslandsstudiums bzw. -Praktikums oder die uneingeschränkte Bewegungsfreiheit in allen Mitgliedsstaaten der EU, doch herrscht bis heute bei Vielen Unklarheit über ihre Rolle, Strukturen und Entscheidungsprozesse.

Im Gegensatz zu nationalen Regierungen trifft die EU einen Großteil ihrer Entscheidungen hinter verschlossenen Türen und dieser Mangel an Transparenz gepaart mit einer gewissen Grundskepsis dem Projekt EURO und der EU allgemein gegenüber schürt in vielen Mitgliedsstaaten Ängste unter den Bürgern. Skandalmeldungen über Korruption in den EU-Institutionen und eine bisher recht mangelhafte Aufklärungspolitik der nationalen Regierungen über Abläufe in der EU verstärken diese Zukunftsängste. Hinzu kommt, daß für viele junge Menschen, deren Zukunft in gewisser Weise vom Erfolg der Währungsunion abhängt, der Verlust nationaler Souveränität gerade auf dem Gebiet der Währungspolitik als ein zu gewagter Schritt wirkt. Dennoch scheint es, daß ein Großteil der Jugend dem Experiment EURO recht zuversichtlich entgegenblickt. Umfragen zufolge sind in den südlichen Mitgliedsstaaten (Spanien und Italien) und den Benelux-Ländern fast 65% der unter 25-jährigen vom Erfolg der Währungsunion überzeugt.

So meint Rocco Renaldi, 24-jähriger Student aus Verona, daß die “EU mit der Einführung der gemeinsamen Währung neue und wichtige Chancen für Italien eröffnen wird. Wegen der Unfähigkeit unzähliger italienischer Regierungen eine erfolgreiche und stabile Finanzpolitik zu führen, ist der Verlust der Lira meiner Meinung nach für die meisten Italiener überhaupt kein Problem und ein positives Merkmal in der Entwicklung der EU”.

In den Meinungen der Jugendlichen spiegeln sich gewisse nationale Tendenzen wider. So sind deutsche und französische Jugendliche dem EURO gegenüber weitaus kritischer eingestellt als ihre spanischen und italienischen Nachbarn. Dem Verlust der D-Mark wird von vielen deutschen Jugendlichen mit Skepsis und Unsicherheit begegnet. So glaubt auch Birte Lemitz, 23, aus Berlin, daß “die Währungsunion sicherlich viele Vorteile mit sich bringen wird, doch ein wenig Angst habe ich schon, daß der EURO kein Erfolg wird und unsere Länder destabilisiert. Der Zusammenschluß in der Währungspolitik mit Ländern, die traditionell eine schwache Währung hatten und der Verlust der Kontrolle der Bundesbank birgt einige Gefahren. Vom Prinzip einer Währungsunion bin ich überzeugt, aber nicht unbedingt von der Realisierbarkeit in so vielen, unterschiedlichen Mitgliedsländern”.

Die letzte Generation, die mit nationalen Währungen in Europa aufwächstGehen die Meinungen unter den Jugendlichen im Hinblick auf den EURO in den unterschiedlichen Ländern stark auseinander, so sind sie, was die Existenz der EU angeht, sehr viel einheitlicher. Für die Meisten ist eine Zukunft ohne die EU weder realistisch vorstellbar noch erstrebenswert. Für viele junge Menschen in allen Mitgliedsländern ist die EU nach wie vor ein Garant des Friedens und der Sicherheit. Dennoch gibt es viele Kritikpunkte, allen voran der Mangel an Transparenz und Aufklärung über die Aufgaben und Entscheidungsprozesse innerhalb der EU.

Viele Jugendliche sehen die EU als zu bürokratisch und sind sich unsicher über die Tragbarkeit, was den Transfer vieler Entscheidungen von nationaler auf die EU-Ebene betrifft. Starke Zweifel scheinen an dem Vorteil zu bestehen, Fragen nicht mehr national, sondern gemeinsam in der EU zu klären. “Die EU kümmert sich in vielen Bereichen um Angelegenheiten, von denen die europäischen Bürokraten nicht viel verstehen. Im Namen des europäischen Binnenmarktes und der Standardisierung der Gesetze gefährdet die EU mit vielen ihrer Verordnungen, zum Beispiel im Bereich der Lebensmittelpolitik, nur die kostbare Vielfalt der spanischen Landwirtschaft, Gastronomie und letztendlich Kultur”, meint Carlos Almendez, 24-jähriger Student aus Barcelona.

Angst vor dem Verlust nationaler Kulturen und Traditionen im Zuge der Europäisierung scheint ein weiterer Punkt zu sein, der Jugendliche aus allen Mitgliedsstaaten verbindet. Für viele Jugendliche aus allen Mitgliedsstaaten sollte die EU nicht den Nationalstaat ersetzen, sondern ihn komplementieren, in Bereichen, in denen 15 Mitgliedsstaaten gemeinsam effektiver entscheiden und agieren können als auf nationaler Ebene. Besonders hervorgehoben werden hierbei die Kooperation im Bereich der Außen – und Verteidigungspolitik, im Umweltschutz und im internationalen Handel. Weniger erstrebenswert erscheint Vielen die Zusammenarbeit zum Beispiel im sozialpolitischen Bereich, wo die Unterschiede zwischen den einzelnen Mitgliedsländern zu gravierend sind.

Eine Zukunft ohne die EU ist undenkbar und heute nicht mehr realisierbar: zu eng ist die Zusammenarbeit der Mitgliedsstaaten auf vielen Gebieten. Auf sich allein gestellt, kann keines der Mitgliedsländer, besonders in wirtschaftlichen Fragen, mehr auf internationaler Ebene bestehen. Was die weitere Entwicklung der EU, besonders die Einführung des EURO, betrifft, so lassen sich die Skepsis und die Ängste vieler junger Menschen mit Unsicherheit über das Projekt und Unklarheit über die Folgen begründen. Für den Erfolg des EURO gibt es keine Garantie, die Währungsunion ist vielmehr ein Experiment, und das führt natürlich zu Skepsis. Dennoch steht fest, die Zusammenarbeit der Mitgliedsstaaten in der EU ist eine Notwendigkeit mit enormen Vorteilen für alle Bürger und nicht zuletzt das Fundament des anhaltenden Friedens auf dem Kontinent.

Nadja Koelling

Bild: Manfred Scharnberg / Visum

 

 


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