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Das Geschäft der Inkassobüros boomt. Besonders bei negativer Wirtschaftssituation,
allgemein leeren Kassen und schlechter Zahlungsmoral sind Rechtsanwälte, Inkassobüros und Gerichtsvollzieher
gefragte Adressen. Insbesondere Firmen und geprellte Privatleute nehmen immer häufiger die Dienste von Inkassobüros
in Anspruch.
Die Werbung dieser Institute verspricht viel:
• Eintreibung selbst ausgeklagter Fälle im In- und Ausland
• Überwachung der Finanzsituation des Schuldners
• Aufspürung des Wohnsitzes des Schuldners u. u. u.
Mit diesen und anderen Werbeslogans werden Kunden geködert. Seriösität sollen auch die abgedruckten
Zusätze “handelsgerichtlich eingetragen” und “zugelassen zum Inkasso vom Präsidenten des Landgerichtes…”
vermitteln. Bei Anfrage und bekundetem Interesse zur Vereinbarung eines Auftrages ist das Inkassobüro sogleich
zu einem Besuch durch einen Vertreter bereit. Die Damen und Herren erscheinen zumeist im noblen PKW der Mittel-
bis Oberklasse, so wie es sich für ein erfolgreiches Unternehmen gehört, die Erfolgsquote bei Schuldeintreibungen
wird mit bis zu 90 Prozent angegeben.
Als erstes erhalten wir Besuch durch einen Vertreter eines Inkassobüros aus Hannover. Ein gut gebauter, muskulöser
Mann mittleren Alters hat seinen Auftritt. Auf die Frage, was beim Inkassobüro anders läuft als bei Übernahme
durch einen Rechtsanwalt, bekommt man lächelnd die Antwort: “Na, wir kümmern uns viel intensiver um unsere
Kunden und außerdem haben wir andere Möglichkeiten an das Geld heranzukommen!” Frage: “Um was für
Möglichkeiten handelt es sich hierbei?” Antwort: “Wir gehen an die Grenze der Legalität heran und üben
Druck auf den Schuldner aus!” Frage: “Wie sieht der Druck aus?” Antwort: “Wir lassen z.B. unsere Damen schon morgens
früh beim Schuldner anrufen und fordern ihn zur Zahlung auf – und das täglich, wenn es sein muß!”
Es wird auch zu verstehen gegeben, daß das Institut bereits seit 1927 erfolgreich am Markt tätig sei
und daß er als Repräsentant Erfahrung in Amerika gesammelt habe, wo mit Schuldnern nicht gerade zimperlich
umgegangen werde. Ein tatsächlich bestehender Fall wird in Auftrag gegeben. Kosten DM 2.500,–. Keine weiteren
Gebühren, wird versichert.
Die Unterlagen in Kopie werden übergeben. Als nach ca. vier Wochen noch keine Reaktion vonseiten des Inkassobüros
eingegangen ist, fragen wir nach. Die Antwort lautet: “Alles ist in Bearbeitung.” Nach einer weiteren Woche der
erste Brief und auch die erste Ernüchterung. Name und Anschrift falsch geschrieben. Wir schreiben zurück.
Auf dem Antwortschreiben wird die Anschrift abermals falsch abgedruckt. Leichtsinn oder Interessenlosigkeit? In
einem weiteren Schreiben wird, auf unser Drängen hin, mitgeteilt, daß in der Sache der Klageweg beschritten
werden sollte, obwohl zuvor beteuert wurde, daß alles weitere ohne Zusatzkosten vom Inkassobüro übernommen
werden würde. Obwohl der Inkassovertrag so gehalten war, daß man nicht ohne Probleme kündigen konnte,
wurden wir nach massiven Schreiben aus dem Vertrag entlassen. In diesem Falle ging es lediglich darum, die Bearbeitungsgebühr
zu kassieren, um nach geraumer Zeit zu erklären, daß zuerst der Rechtsweg über einen Anwalt des
Unternehmens oder auch der eigenen Wahl erfolgen muß.
Im zweiten Versuch fiel die Wahl auf ein Inkassobüro aus Reutlingen. Die Bearbeitungsgebühr sollte DM
600,– betragen. Unser Fall war noch nicht eingeklagt, also wurde auch noch kein Titel erwirkt. Diesmal trat als
Vertreter des Inkassobüros eine Dame aufs Trapez.
Wir erzählten unsere Erfahrungen mit dem ersten Inkassobüro. Die Dame erklärte, daß es viele
Inkassounternehmen geben würde, welche nicht korrekt arbeiten würden, und dies sollte bei ihrem Unternehmen
völlig anders ablaufen. Also wurde die Zufriedenheit bereits im Vorfeld garantiert. Also Übergabe der
kopierten Unterlagen. Alles war besprochen, z.B., daß noch kein Anwalt eingeschaltet war und daß das
Unternehmen die Beibringung des Außenstandes in die Hände nehmen würde. Nach Eingang des ersten
Schreibens konnte man nur staunen. Falsche Anschrift, Ort falsch geschrieben (Brief kam trotzdem an), und was viel
gravierender war, in der übertragenen Forderungssache sollte es sich nunmehr um einen sogenannten “ausgeklagten
Fall”, also um eine Sache, welche bereits durch Gericht beschlossen wurde, handeln. Es sollten keine weiteren Kosten
anfallen, da die Angelegenheit auf Kostenrisiko des Inkassobüros gehen sollte. Im Gegenzug sollte im Erfolgsfalle
50% der Forderungssumme an das Inkassounternehmen abgetreten werden. Ein völlig neuer Sachverhalt. Auf Anfrage
und Darlegung der Situation wurde mitgeteilt, daß es sich wohl um ein Versehen gehandelt habe und die Einschaltung
eines Rechtsanwaltes vonnöten wäre. Die Folge: Kündigung des Vertrages ohne Bezahlung irgendeiner
Bearbeitungsgebühr.
Bevor Sie sich an ein Inkassobüro binden, sollten Sie immer erst die Beratung durch einen Rechtsanwalt oder
eine Verbraucherorganisation einholen und sich folgende Fragen stellen:
• Wie hoch ist das Kostenrisiko, durch einen Prozeß den Schuldbetrag einzuklagen?
• Wird der Schuldner jemals in der Lage sein, den Schuldbetrag zurückzuerstatten? Ein
• Schuldtitel gilt 30 Jahre.
• Ist gegebenenfalls ein Vergleich mit dem Schuldner möglich? Dies spart Kosten
• und führt möglicherweise
zu einer Teilrückführung des Schuldbetrages. Auf den Rest
• müßte allerdings
verzichtet werden.
• Was bringt der Einsatz eines Inkassobüros?
• Haben diese tatsächlich andere Möglichkeiten als ein Rechtsanwalt? Informationen
• über Inkassofirmen einholen.
Unsere Erfahrung: Inkassounternehmen sind mit Vorsicht zu genießen. Unter den seriösen Dienstleistungsanbietern
tummeln sich viele “schwarze Schafe”, welche nur auf das Abkassieren von Bearbeitungsgebühren bedacht sind.
Also zuerst genau überlegen und dann handeln.
Henry Frey
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