“Als Kind habe ich auf deutsch geträumt...”
 

Sophie Lorrain – Nähe und Distanz zu Deutschland und den Deutschen

 

Wie sie da so sitzt in dem kleinen Café gegenüber dem Campus der Universität von Strasbourg, könnte man sie für eine der Studentinnen halten, die hier einen kleinen Imbiß nehmen oder die Pause bis zur nächsten Vorlesung überbrücken. Aber Sophie Lorrain hat ihre Studentenjahre schon hinter sich. Sie lehrt Germanistik an der Uni, hat in diesem Jahr geheiratet und pendelt nun ständig zwischen Paris und Strasbourg.

“Ach, weißt du, eine bestimmte Zeit lang macht das nichts aus.” sagt sie in ihrem fließenden Deutsch, dem man erst beim zweiten Hinhören den leichten französischen Akzent anmerkt. “In den letzten Jahren bin ich zwischen Deutschland und Frankreich gependelt, nun eben innerhalb Frankreichs.” Bei ihrer Hochzeit – auf dem kleinen Landgut ihrer Schwiegereltern – konnten einige Festredner es sich nicht verkneifen, darauf hinzuweisen, daß es ihrem Mann Jean-Marie endlich gelungen sei, die “Abtrünnige” von ihren ständigen Einsätzen in Deutschland wieder “heim nach Frankreich” zu holen. “Na, ja”, meint sie, nachsichtig lächelnd, “bei aller deutsch-französischen Freundschaft und Aussöhnung auf der hohen politischen Ebene: in den Köpfen vieler Franzosen ist Deutschland noch immer der große, manchmal bedrohliche Nachbar, mit dem man sich nicht allzu innig einlassen sollte.”

Sophie Lorrain 1999Sophie hat sich eingelassen, sehr früh schon. Mit drei Jahren besuchte sie auf Wunsch ihrer Eltern den deutschen Kindergarten in ihrem Heimatort Saint-Cloud bei Paris. Nach der – französischen – Grundschule “landete” sie im Gymnasium wieder bei der deutschen Sprache, war einmal im Jahr für längere Zeit bei einer deutschen Austauschpartnerin in Marburg und verbrachte die gesamte 10. Klasse in Deutschland. “Ich hatte deutsche Freunde, habe deutsch gedacht und sogar deutsch geträumt.” Daß sie Germanistik studierte, war bei dieser Entwicklung fast zwangsläufig.

Für ein Auslandsjahr bot sich die Möglichkeit, entweder nach Wien oder nach Berlin zu gehen. “Wien sagte mir wegen des österreichischen Dialekts nicht so zu, aber vor Berlin hatte ich regelrecht Angst”, erinnert sie sich. Die Ursache war ein traumatisches Erlebnis, das sie als Kind bei einem Berlin-Besuch mit ihren Eltern hatte: Ein DDR-Grenzer durchwühlte ihr Gepäck, und sie mußte die für Freunde in Berlin sorgsam eingepackten Geschenke Stück für Stück öffnen. “Das war furchtbar für mich, ich konnte es nicht verstehen, und immer, wenn ich an Berlin dachte, kam dieses Erlebnis wieder hoch.”

Dennoch überwand sie sich. Das war 1987, und von da an ließ diese Stadt sie nicht mehr los. “Ich hatte das Gefühl, ständig auf Entdekkungsreise zu sein, und nach einer bestimmten Zeit war ich wohl mehr Berlinerin als die Berliner selbst.”

Der Münsterplatz in StrasbourgNach Abschluß ihres Studiums zog es sie wieder in die -– damals noch geteilte – Stadt, sie fand einen Job und setzte ihre Entdeckungsreise fort. “Ja, und dann, im Herbst 1989, fiel die Mauer, und ich war mittendrin, sozusagen auf einem Logenplatz. Erst jetzt begann ich mich intensiv mit der jüngeren Geschichte Deutschlands zu beschäftigen. Den Osten kannte ich so gut wie gar nicht. In Erinnerung war mir zum Beispiel eine Beobachtung: Kurz vor Weihnachten 1987 hatte ich in einem Ostberliner Kaufhaus gesehen, wie alle Geschenke in ein- und demselben Papier eingewickelt wurden, und ich stellte mir vor, wie trist das unter den Weihnachtsbäumen aussehen mußte, aber sonst wußte ich fast nichts über die Menschen dort, wie sie die letzten 40 Jahre gelebt hatten.”

Den 3. Oktober 1990, den Tag der deutschen Einheit, erlebte Sophie schon wieder in Paris. “An der Uni wurden an diesem Tag von linken Gruppen Flugblätter verteilt: ‘Wir trauern um die DDR’. Das ließ mir keine Ruhe, und ich suchte mit diesen Leuten das Gespräch. In Frankreich war die deutsche Einheit nicht unbedingt ein öffentliches Thema für die Massen, und schon gar nicht redete man über die Schwierigkeiten und Probleme des Einigungsprozesses. Ich fand es aber wichtig genug, auch für uns.”

Gemeinsam mit einigen Kommilitonen setzte Sophie Lorrain durch, daß eine Forschungsgruppe zu diesem Thema gebildet wurde, die im Mai 1991 ein viel beachtetes internationales Kolloquium veranstaltete. “In dieser Zeit habe ich unheimlich viel gelernt, auch eine Menge Leute kennengelernt.” Die unmittelbare Folge war ein Angebot für eine Stelle an der gerade im Aufbau befindlichen Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). Sophie wurde dort 1992 die erste Französisch-Dozentin, lernte nun “den Osten” hautnah kennen, schrieb ein Buch über die Geschichte der DDR und verteidigte zwischendurch auch noch in Paris ihre Dissertation über die Beziehungen zwischen deutschen und französischen Pazifisten gegen Ende des 19. Jahrhunderts.

Im Mai 1995 wurde sie Geschäftsführerin des gerade gegründeten Berlin-Brandenburgischen Instituts für deutsch-französische Beziehungen in Genshagen bei Berlin. Sie organisierte Diskussions- und Weiterbildungsveranstaltungen, Seminare und Vorträge. “Es war wirklich Pionierarbeit.” sagt sie rückblickend. “Die meisten Ostdeutschen hatten von Frankreich entweder gar keine oder sehr verklärte Vorstellungen. Was sich in Westdeutschland über viele Jahrzehnte an deutsch-französischen Beziehungen entwickelt hatte, war hier geradezu Neuland. Das machte die Arbeit einerseits ungeheuer spannend, andererseits aber natürlich auch ziemlich anstrengend.”

Sophie beließ es nicht allein bei ihren “dienstlichen” Aufgaben. In ihrer Wohnung in Berlin begann sie, gemeinsam mit einem ostdeutschen Bekannten, immer wieder mal Freunde, Bekannte oder einfach Menschen einzuladen, von denen sie meinte, die sollten sich kennenlernen. Es wurde gekocht, gegessen und getrunken, vor allem aber geredet, diskutiert. Ganz bewußt knüpfte Sophie damit an die Berliner Salonkultur des vorigen Jahrhunderts oder auch der 20er und 30er Jahre an. “Ich wollte ja nicht gleich eine Bettina von Arnim, eine Rahel Varnhagen oder eine Madame de Staël werden, aber ich fand die Atmosphäre bei diesen Begegnungen für mich selbst sehr anregend, habe eine Menge gelernt und hatte den Eindruck, den Gästen hat es auch etwas gegeben.” Das ist stark untertrieben, denn die Teilnehmer dieser Runden schwärmen noch heute davon und hätten es nur zu gern gesehen, wenn Sophie für immer in Berlin geblieben wäre.

Doch dann kam Jean-Marie, wenngleich er nicht der einzige Grund war, daß es sie nun doch wieder nach Frankreich zog. “Ich merkte nach einiger Zeit, wie ich, trotz aller Nähe zu Deutschland und den Deutschen, begann, die Dinge, die dort abliefen, wieder stärker als Französin zu sehen. Mit sehr starker Anteilnahme und auch immer mehr Wissen um Hintergründe und Zusammenhänge, aber gleichzeitig doch auch mit einer gewissen Distanz, die man als Ausländer hat und vielleicht auch haben sollte.” Im vergangenen Jahr ging sie zurück nach Frankreich, ohne Deutschland wirklich zu verlassen. Das Angebot einer Stelle in Strasbourg war für sie optimal. “Gerade hier im Elsaß, wo sich deutsche und französische Geschichte über Jahrhunderte so eng miteinander verflochten haben, ist ein idealer Platz für mich.” Ob es ein Platz fürs Leben wird und bleibt, steht auf einem anderen Blatt.

Text und Bilder: Dr. Achim Wahrenberg

 

 


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