Begraben unter dem Kreuz des Südens
 

Ein fast vergessenes Kapitel deutsch-südafrikanischer Geschichte

 

An der Strecke von Johannesburg nach Kimberley zweigt in Warrenton eine in Richtung Norden führende Straße nach Christiana ab, auf der man bald nach Jan Kempdorp gelangt. Hier, 100 km von Kimberley entfernt, befand sich in den Jahren 1940-1945 eines von drei Lagern, in denen vor allem Deutsche aus Südwestafrika interniert waren.

Eine Gedenktafel erinnert an deutsche GeschichteNachdem sich am 4. September 1939 das südafrikanische Parlament mit knapper Mehrheit gegen die Neutralität des Landes und stattdessen für die Teilnahme am Krieg auf der Seite Großbritanniens entschieden hatte, begann man schon Mitte des Monats mit der Internierung eines Teils der in Süd- und Südwestafrika lebenden Deutschen, die ja einen nicht unerheblichen Prozentsatz der weißen Gesamtbevölkerung ausmachten. Während die Südafrika-Deutschen vornehmlich in das Lager Baviaaspoort bei Pretoria gebracht wurden, internierte man die deutschen Südwester zunächst im Lager “Klein Danzig” in der ehemaligen deutschen Funkstation in Windhoek. Von dort wurden sie im Juni 1940 ins neuerrichtete Lager Andalusia überführt. Dieser Ort erscheint heute deshalb auf keiner Karte mehr, da er nach dem Tode (1946) des Burengenerals Kemp diesem zu Ehren in Jan Kempdorp umbenannt wurde.

Neben den Südwester Deutschen, von denen zuletzt 1600 Personen in Andalusia lebten, waren hier auch eine Gruppe von Ostafrika-Deutschen sowie Angehörige anderer Nationen interniert. Weil nach Baviaanspoort im Laufe der Zeit aber auch deutsche Seeleute und auf deutschen Schiffen gefangengenommene Passagiere eingeliefert wurden, außerdem Deutsch-Ostafrikaner und Angehörige anderer Nationen hinzukamen, wurden ab Juli / August 1940 Deutsche aus der Südafrikanischen Union zusätzlich in Andalusia interniert.

Grabanlage in Andalusia, SüdafrikaLagerführer in Windhoek war der bekannte Rechtsanwalt und Mitglied der Südwester Exekutive, Dr. Hans Hirsekorn. Kurz nach der Übersiedlung der Internierten nach Andalusia wurde er dort von Adolf Gutknecht abgelöst, der jetzt auch einen “Notgau der NSDAP” gründete. Dies war insofern möglich, als die Partei seit 1934 zwar in Südwestafrika, nicht aber in der Südafrikanischen Union verboten war. Doch Gutknecht machte sich mit seiner Forderung nach bedingungsloser Unterordnung unter die nationalsozialistische Parteidisziplin bald nicht nur bei den eigenen Kameraden unbeliebt, sondern legte sich auch mit dem Lagerkommandanten an und wurde deshalb noch im Verlauf des Jahres 1940 nach Baviaanspoort strafverlegt, wo er bis nach dem Kriege blieb. Neuer Lagerführer wurde Heinz Beckurts, seit 1938 Vorsitzender des Deutschen Schulvereins Windhoek und außerdem Schirmherr der Deutschen Pfadfinder in Südwest, der seine Aufgabe bis zum Schluß mit Bravour meisterte und sich deshalb bei seinen Kameraden allgemeiner Beliebtheit erfreute. Sein Vertreter war der ebenfalls hochgeschätzte Major Ernst von Brandis aus Tanganjika (ehemals Deutsch-Ostafrika), der zusammen mit seinen Brüdern Cord und Karl interniert worden war.

Im August 1945 wurde das Lager Andalusia aufgelöst, doch viele der Insassen waren damit noch keineswegs frei. Die bisher dort internierten deutschen Südwester, die sich während des Krieges freiwillig zur Repatriierung nach Deutschland gemeldet hatten, wurden nunmehr nach Baviaanspoort überführt, alle anderen kamen ins dritte große Lager Koffiefontein im Oranje-Freistaat, wo vor allem Afrikaaner interniert worden waren, die mit dem nationalsozialistischen Deutschland sympathisiert hatten. Als im März 1946 auch das Lager Koffiefontein aufgelöst wurde, bedeutete dies zwar für viele die Entlassung in die Freiheit, doch viele andere wurden nach Bavaanspoort verlegt, wo durch Entlassungen Platz entstanden war und wo sie nun noch einmal Monate bis zur endgültigen Freilassung verbrachten. In diesem Zusammenhang kursierte damals in Südafrika der Spruch: “Join the internees and see the Union.”

Von dem früheren Internierungslager Andalusia, das aus mit Holz verschalten Wellblechbaracken bestand, steht heute nichts mehr. Das einzige, was im jetzigen Jan Kempdorp noch an die damalige Zeit erinnert, sind die Gräber der 17 während der Internierung verstorbenen Kameraden. Kurz vor Auflösung des Lagers beschloß man, die Grabstätten so zu gestalten, daß sie künftig keiner größeren Pflege bedürften. So bedecken denn die Gräber seither große – im Lager hergestellte – Zementplatten mit den darauf angebrachten Namen und Lebensdaten der Verstorbenen. 1965 wurde inmitten des Gräberfeldes ein großes Teakholzkreuz errichtet, vor dem man später noch eine Platte anbrachte, auf der die Namen und Daten der dort bestatteten Deutschen eingraviert sind.

Die Anlage befindet sich heute weithin sichtbar am Kopfende des neuen Friedhofs von Jan Kempdorp, der ungefähr zwei Kilometer südlich des Ortes liegt, und macht einen durchaus gepflegten Eindruck. Auf dem Friedhof sind übrigens auch einige südafrikanische Soldaten beigesetzt, von denen mindestens einer zu den Wachmannschaften des Internierungslagers gehörte.

Text und Bilder: Wolfgang Reith

 

 


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