275 Jahre Ulmbacher Donauschwaben
  Heimweh nach der Heimat, die nicht mehr existiert
 

Beim Kirchweihtreffen in Rechberghausen fragte mich ein Freund: “Hast Du noch oft Heimweh?”. “Was ist Heimweh?”, fragte ich zurück. Heimweh ist eine große Sehnsucht nach Zuhause, nach der Zeit unserer Jugend, nach der ehemaligen Geborgenheit. Aber auch der kindliche Glaube, daß ich hier, in Ulmbach-Neupetsch, meine Heimat habe und dazugehöre. In dem Ort, der in diesem Jahr das 275jährige Jubiläum der Ulmbacher Donauschwaben feierte.
55 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg kam damit ein Anlaß zum Gedenken an die alte Heimat. Auch unsere Vorfahren waren auf der Flucht. Vertrieben aus ihrer Heimat nach dem 30jährigem Krieg, waren sie auf der Suche nach einer neuen Heimat. Damals rief Österreichs Kaiserin Maria Theresia nach Siedlungswilligen für das Banat. Unsere Vorfahren folgten dem Ruf in gutem Glauben und voller Hoffnung.

Seit dem Jahr 1724 siedelten sie sich in ihrer neuen Heimat, Ulmbach-Neupesche-Banat, heute Rumänien, an. In den ersten Jahren der Ansiedlung lebten sie von Tag zu Tag. Die Arbeit für die Erhaltung der Heimstätte war schwer. Man arbeitete unter primitiven Verhältnissen für die Zukunft. Ich denke, wenn man nicht schon zu dieser Zeit manchmal gefeiert hätte, wären unsere Vorfahren von der Last ihrer Arbeit erdrückt und ihnen das Leben sauer geworden. Nur durch schwere körperliche Arbeit und ausdauernden Fleiß überlebten unsere Ahnen alle Behinderungen und Not, gelang es ihnen, ihren Nachkommen eine Zukunft zu bauen.

Der Zweite Weltkrieg hat die Geschichte dieser Gemeinde in der alten Form beendet. Wer überlebte, mußte oft eine neue Heimat finden. Im Raum von Göppingen gibt es heute rund 400 Ulmbacher. Allein aus Rechberghausen haben etwa 120 eine neue Heimat gefunden. Viele meiner Landsleute, die wie ich eine neue Heimat in der Ferne gefunden haben, leiden noch immer unter Heimweh. So riecht für viele unserer Banater Bauernfamilien, die überlebt haben, das Heu auf den Wiesen noch in der Ferne nach der alten Heimat. Beim Donauschwaben-Treffen sah ich viele Gesichter mit Falten im Gesicht und schmalen Lippen. Die schweren Jahre haben die Gesichter der Menschen dieser Region wohl besonders gezeichnet.

Kein Wunder, daß sich auch noch nach 55 Jahren so viele Freunde und Verwandte aus dem selben Heimatort beim Kirchweihfest in Rechberghausen Jahr für Jahr wiedertreffen. Die 600 Teilnehmer machten das Fest zu einem beeindruckenden Erlebnis. Erfreulich zu sehen war, daß die Jugend und Gemeinde von Rechberghausen ihre Unterstützung gaben und zum großen Erfolg dieses Kirchweihfestes beitrugen. Kein Wunder, daß die Sehnsucht nach der Heimat bei jedem Kirchweihfest neue Nahrung erhält. Wichtig ist wohl, daß wir unser Heimweh mit Liebe umfassen und versuchen einen “Regenbogen” zwischen der Alten Welt und der neuen Heimat zu bauen. Hier, in der neuen Heimat, müssen wir unsere Traditionen weiterpflegen, unsere Kultur und die donauschwäbischen Gewohnheiten bewahren, soweit es uns möglich ist.

Der Höhepunkt des diesjährigen Festtages war die feierliche Enthüllung der Gedenktafel 275 Jahre Ulmbach an der Mauer der Katholischen Kirche durch Pfarrer Alois Krist. Mit bewegenden Worten wandten sich danach Elfriede Beck vom Vorstand und Landesrat Franz Weber an die Zuhörer. Später war Gelegenheit zu einem Gespräch mit dem Bürgermeister Reiner Ruf. Er brachte zum Ausdruck, daß er sich die Gemeinde von Rechenberghausen ohne das Ulmbacher Kirchweihfest gar nicht mehr vorstellen könnte. Besonders lobte er die neuen Mitglieder und ihre Aktivitäten. Er war stolz auf die gut vertretene Jugend und daß auch sein Sohn unter den Trachtenpaaren war. Der Einmarsch der Trachtenpaare nach den Klängen der Original Banater Schwabenkapelle unter Leitung von Horst Strommer wird mir ebenso unvergessen bleiben wie das Vortänzerpaar Anna und Hans Stuhl, die um den geschmückten Maibaum tanzten. Und ist es nicht so, daß eine schöne Erinnerung das Heimweh leichter macht?

Peter Thill
(Leserbeitrag)

 

 


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