| |
Nehmen wir einmal an, das Alte Testament wäre, als jüdische Geschichte,
nicht in den Kanon des Christentums aufgenommen worden und die Heilige Schrift bestünde nur aus dem Neuen
Testament. Und nun fände jemand, in alten Tonkrügen womöglich, den Pentateuch vom Anfang der Welt
und die übrigen Bücher. Was geschähe? Es gäbe hochinteressante Diskussionen unter den Fachgelehrten,
es erschiene eine kostbar ausgestattete Edition des Hohen Liedes für die gebildeten Stände und im übrigen
bliebe Moses ein weithin unberühmter Name.
Und doch hat George Lucas es unternommen, gleichsam seinem galaktischen Evangelium, und als nichts weniger gilt
dieser Film in der Popcorn-Abteilung der Kinematographie, das Alte Testament post festum hinzuzufügen, die
Geschichte von allem Ursprung her. Und es ergeht dem Universum nach Lucas, wie es jedem Kult, jedem Mythos, jeder
spirituell aufgeladenen Tradition ergeht: Sie ist nicht fortzuschreiben nach Belieben, sie ist in ihrem Entstehen
an ihre Zeit gebunden. Denn eine Spiritualität entsteht nicht auf Verlangen, nicht als Konstruktion. Sie entsteht
aus ihrer Zeit, aus den Bedürfnissen ihrer Zeit und ihr Stifter ist nicht ihr Erfinder, nur ihr Prophet, nur
ihr Verkünder. Es ist mehr als ein Willensakt, ein Stifter zu sein.
George Lucas war der Stifter
der bei ihrer weltweiten Gemeinde als so gut wie spirituell geltenden Star-Wars-Saga. Das war 1977, nach Vietnam,
nach Watergate und in einer Zeit zudem, als der technische Fortschritt dabei war, sich seinen guten Ruf zu ruinieren.
Und Lucas gab mit seinem fantasiegezeugten Märchen, mit seinem genialisch-naiven Multi-Kulti-Universum der
Welt, der westlichen Welt, zurück, was sie zu verlieren im Begriffe stand: den Glauben, es gäbe in dem
Weltenchaos doch noch eine Macht, eine Kraft, die die Dinge in einige Ordnung zu bringen verstünde. Und armiert
wurde diese unterschwellige, frohe Botschaft von einer bis dahin noch nicht gesehenen Dimension technischer Illusionierung
und einer fröhlich-naiven Personage. Unbekümmert und kreativ betätigte sich Lucas als Recycler so
gut wie aller menschheitlichen Mythen und Kulturen und ein Volk konnte gar nicht entlegen genug siedeln, ausgenommen
vielleicht die DDR, denn die führende Rolle der Partei der Arbeiterklasse kam nicht vor, als daß es
nicht trivialisierte Spurenelemente seiner Kultur wiederfinden konnte. Der technische Standard dieser drei ersten
Filme im Zusammenklang mit ihrer fröhlich überbordenden Fantasie gewann ihnen damals ein weltweites Publikum
(im Osten fehlt allerdings die den Kult erinnernde Generation, man merkt es an den Kassen).
Und jetzt hat George Lucas einen Kinderfilm gemacht. Einen Film ohne Blut, denn Blechbüchsen bluten nicht.
Einen Film, der den medialen und sonstigen Aufwand aus eigenem Recht, aus eigner Kraft, ohne seinen Traditionsbezug
auf sich selbst also nicht einen Augenblick zu tragen vermöchte.Dabei , so schlimm, so richtig schlimm ist
er gar nicht, er ist nur gewöhnlich, er ist nur die Entzauberung einer Legende. Und er ist, manchmal, mäßig
unterhaltend. Und das Ben-Hur-Gedächtnisrennen, wenn die Turbinen gleich den wilden Rossen ins Geschirr genommen
werden, ist schon richtig nett. Und richtig schön, als Figur, ist dieses fiese Geschäftemacherschwein,
das entstanden sein muß, als eine alte Gasmaske die verfaulte Kartoffel vergewaltigte.
Und wenn die Bösen in der deutschen Synchronfassung französeln, dann darf man schon daran denken, daß
es die Franzosen sind, die in Europa Hollywood den Krieg erklärt haben. Und wir sehen den späteren Darth
Vader, das Böse schlechthin, in seinen Anfängen als jungen unschuldigen Knaben, empfangen in Unschuld,
wie Maria ihr Kind empfing.
Aber eigentlich ist es so gleichgültig, wie es die ganze Geschichte ist. Denn der bewußte Bezug auf
den eigenen Mythos hat die Bemühungen um die Geschichte minimalisiert, alle Kreativität gilt der Technik.
Die aber erreicht hier, anders als damals bei Lucas, anders als in Spielbergs “Jurassic Park”, keine wirklich neue
Dimension, sie ist einfach nur noch etwas perfekter. Und die Dialoge hat Lucas nach dem Wort der Schrift verfasst:
“Eure Rede aber sei ja, ja, nein, nein.” Und auch deshalb haben die Sternenkrieger ihren Charme verloren, auch
deshalb wird Lucas mit seinen Raumschiffen den Kampf gegen seinen Hauptfeind verlieren: die “Titanic”. Die bleibt
für George Lucas “Die dunkle Bedrohung”.
Henryk Goldberg
Bild: von der Internet “Star Wars” Webseite
|