Ein Ort der Ruhe und Einkehr

Berlin mag nicht gerade ein Schmelztiegel der Kulturen sein wie New York oder andere amerikanische Großstädte. Und dennoch trifft man in der deutschen Hauptstadt allenthalben auf Spuren und Zeugnisse anderer Völker und Kulturen: muslimische Moscheen, russisch-orthodoxe Kirchen – oder buddhistische Tempel. Im Norden Berlins, im Villenviertel Frohnau, liegt versteckt auf einem Hügel der älteste buddhistische Tempel Europas. Der Arzt und Homöopath Paul Dahlke erwarb das Grundstück 1924 und ließ im gleichen Jahr das Hauptgebäude, Meditationsklausen und einen Waschraum bauen. 1926 entstand der Tempel. Vier Jahre später starb Dahlke. Seine Schwestern setzten sein Lebenswerk fort.

Der Besucher betritt das Gelände durch ein Tor, dessen Pfeiler durch einen auf Elefantenrücken ruhenden Querbalken verbunden sind – eine Reminiszenz an das Osttor des Stupas von Sanchi in Indien. 73 Stufen führen hinauf zum Hauptgebäude, in dem sich die Bibliothek befindet. Das Haus ist von Kiefernduft eingehüllt, ebenso wie der dahinter liegende Tempel. Der Weg dorthin führt vorbei an einer steinernen Buddha-Statue. Die rechte Hand ist erhoben als Geste der Darlegung seiner Lehre, die linke zeigt zur Erde. Vor der Statue stehen Kerzen und Blumen, zerstreut liegen einige Münzen herum. Kerzen brennen auch vor dem Halbrelief eines sitzenden Buddhas im Innern des Tempels. In großen Steintafeln sind Verse aus dem Dhammapada (Verssammlung) und dem Suttanipata (Lehrredensammlung) eingemeißelt.

Im Buddhistischen Haus leben Mönche aus Sri Lanka. Sie werden von der 1957 gegründeten German Dhammadûta Society nach Berlin entsandt, um im Sinne Dahlkes den Theravada-Buddhismus, die älteste Form dieser Lehre, am Leben zu erhalten. Einer der Mönche ist Ehrwürden Puññaratana. Bereits im Alter von zwölf Jahren bereitete er sich auf das Klosterleben vor, mit 15 wurde er Mönch. Nach einem Studium an der Buddhistischen Universität von Colombo war er als Lehrer tätig, bevor er vor vier Jahren nach Berlin kam.

Es war seine erste Reise ins Ausland. Der freundliche Mann in der ockerfarbenen Robe berichtet über die Schwierigkeiten des Anfangs: “Meine Familie fehlte mir sehr. Ich verstand kein Wort Deutsch, und die Menschen wirkten auf mich sehr ernst, sie lächelten fast nie. Außerdem ist Deutschland für mich sehr kalt, anfangs war ich ständig erkältet. Die Sonne, die Wärme, das Lächeln der Menschen, Gespräche im Vorübergehen – die ganze Kultur meiner Heimat Sri Lanka – all das habe ich sehr vermißt, und das hat mich bedrückt und traurig gemacht.” Puññaratana überwand seine Trauer und Einsamkeit, indem er sich mit ganzem Herzen seinen buddhistischen Pflichten widmete.

Für Außenstehende scheint das Leben eines Mönchs auf den ersten Blick recht bequem: Er muß nicht arbeiten, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, und kann den ganzen Tag über friedlich meditieren. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Zwar meditiert Puññaratana tatsächlich allmorgendlich, doch schon sehr früh, damit genügend Zeit für allen anfallenden Arbeiten bleibt. Dazu gehören nicht nur die Pflege und Reinhaltung des Tempels und der Gartenanlagen sowie der Bibliothek, sondern vor allem die Betreuung der zahlreichen Besucher. Fast täglich finden Führungen für Schulklassen, Volkshochschulkurse, Seniorengruppen oder einfach nur Neugierige statt, die hier vorbeikommen und etwas über den Buddhismus und das Leben der Mönche erfahren wollen. Puññaratana sieht es als seine Pflicht an, daß jeder Besucher das Buddhistische Haus zufrieden verläßt. Das verlangt von ihm und seinem Mitarbeiter nicht nur, die Buddhalehre korrekt zu vermitteln, vor allem gilt es, jedem Besucher aufmerksam zuzuhören, auf ihn einzugehen. Für Kinder beispielsweise ist es nun einmal interessanter zu erfahren, was die Farben des Mönchgewands oder der Fahnen bedeuten, warum der Buddha so geheimnisvoll lächelt oder welchen Sinn eine Meditation hat.

Den Älteren, die sich systematisch mit der Buddhalehre befassen wollen, steht die Bibliothek zur Verfügung. Sie wurde 1967 mit dem Geld gebaut und eingerichtet, das der damalige Botschafter Sri Lankas, P. S. Wickramsinghe, aus dem Verkauf der Juwelen seiner plötzlich verstorbenen Tochter spendete. Gräfin Lavinia von Monts stellte ihre Handbibliothek zur Verfügung, und die German Dhammadûta Society schickte buddhistische Grundlagenwerke Allabendlich führt Ehrwürden Puññaratana eine Pûja – eine buddhistische Andacht – durch oder gibt Anleitungen für Meditation. Auch das war anfangs nicht leicht für ihn, denn er mußte nicht nur die deutsche Sprache lernen, sondern vor allem die deutsche Alltagswirklichkeit kennenlernen, um auf die Menschen eingehen zu können. Heute wird er nicht nur von deutschen Buddhisten immer wieder um Rat gefragt, sondern empfängt oft auch buddhistische Mönche aus aller Welt und ist ihnen ein sachkundiger Führer durch die Hauptstadt Berlin.

Dr. Helmtrud Rumpf

 

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