Editorial August

               
 

Liebe Leser,
die transatlantische Brücke zwischen der alten und neuen Welt, an der Generationen von Auswanderern vieler Kulturen, insbesondere auch Deutsche, mitgebaut haben, ist offenbar ins Wanken geraten. Dabei schien es, zumindest für einige Zeit, daß mit Ende des Kalten Krieges das Verhältnis zwischen Amerika und Europa freundschaftlicher sein würde. Wer so wie ich hoffte, daß die einst durch die Existenz der Supermacht Sowjetunion entstandene, sehr enge Verflechtung amerikanischer und westeuropäischer militärischer, wirtschaftlicher und kultureller Interessen in besseres gegenseitiges Verständnis und eine friedlichere Zukunft münden würde, sieht sich heute enttäuscht. Zu Recht?


THOMAS JEFFERSON

“Männer machen Geschichte”. Sie kennen diesen Spruch von Heinrich von Treitschke bestimmt auch. George W. Bush versucht es nun offenbar dem geistigen Wegbereiter des Bismarckreiches nachzutun. Ob er als US-Präsident diesem

geflügelten Satz nicht-amerikanischer Herkunft bewußt oder unbewußt folgt, müssen Sie, verehrte Leserin, lieber Leser, selbst beurteilen. Tatsache ist doch nun: Wenn ihm schon seine amerikanischen Wähler und Bosse der Bosse das Mandat zum Geschichte machen übertragen haben, müssen wir ihm und seiner “Amerika First-Politik” als Australier, Afrikaner, Asiaten oder Europäer deshalb noch lange nicht bedingungslos folgen. Der französische Präsident Chirac tut es nicht, der australische Premierminister tut es nicht und Paul Heidecker, unser kanadischer Regierungssprecher, tat es erfreulicherweise auch nicht. Ich habe mich über Heideckers an unseren südlichen Nachbarn gerichteten kritischen Worte besonders gefreut.


Man muß sich fragen, ob der amerikanische Präsident nur falsche Berater hat oder selbst nicht in der Lage ist, die Weltlage realistisch einzuschätzen. Vielleicht trifft Beides zu? Neuerdings fürchtet sich sogar der britische Premier Tony Blair, wie die renommierte deutsche Tageszeitung “Die Welt” schreibt, vor amerikanischen Alleingängen. “In Abwesenheit einer bedeutenden territorialen Bedrohung sehen viele Europäer wenig Veranlassung die amerikanische Hegemonie als Preis für den Schutz der Amerikaner zu akzeptieren!” schreibt das Blatt. Ich stimme zu, daß die Mehrzahl der Amerikaner derzeit nicht gewillt zu sein scheint, “in Europa viel Mühe zu investieren, um Köpfe und Herzen für sich zu gewinnen”.
Wer sich so unverblümt wie die Bush-Administration über die Interessen seiner Verbündeten hinwegsetzt, muß sich die berechtigte Frage gefallen lassen, ob sie überhaupt noch zum Demokratiegedanken der Väter der amerikanischen Verfassung steht. Was würde wohl ein Jefferson dazu sagen, wenn er erführe, daß in seinem geliebten Land nicht nur Bilanzen geschönt wurden und Kleinaktionäre mit Firmenzusammenbrüche wie Enron in den Ruin getrieben werden, daß die jetzige Regierung nicht nur der Menschheit zum Wohle dienende Umweltabkommen wie das von Kyoto stoppt, sondern daß sogar das sorgfältig nach den Regeln internationaler Gesetze erarbeitete Statut des neu gegründeten internationalen Strafgerichtshofes vom Weißen Haus blockiert wird? Warum sollen Kriegsverbrechen, ganz gleich von wem sie begangen werden, nicht gleichermaßen geahndet werden? Man braucht kein Rechtsgelehrter zu sein, um festzustellen, daß die Weigerung des amerikanischen Presidenten und des Pentagon, sich einer internationalen Justiz unterzuordnen, irrational ist. Wer wird der Regierung eines Landes, welches derartige Vormachtsansprüche stellt, zukünftig folgen?


Man kann sich nur mehr verantwortungsbewußte Politiker wie Henry Kissinger wünschen, der kürzlich daran erinnerte, daß bisher alle Weltreiche in der Geschichte ein mehr oder weniger unrühmliches Ende fanden, falls sie mit Macht ihren Willen anderen Vòlkern aufzuzwingen versuchten. Ich teile diese Ansicht!


Gefragt ist heute Besonnenheit statt Großmannssucht. Unsere Welt ist zerbrechlicher geworden. Gerade wer sich am Steuer der Weltgeschicke wähnt; sollte sich dessen bewußt sein. Die gewaltsame Bevormundung anderer Völker läßt sich nur, wie die Geschichte lehrt, bei Strafe des eigenen Untergangs, wenn überhaupt, verwirklichen.


Die in den letzten Monaten gezeigte Form des “American Way of Life” geht mir gegen den Strich. “Männer machen Geschichte”. Wenn dieser Spruch tatsächlich zutrifft, wünsche ich mir solche Männer an der Spitze unserer Weltgemeinschaft, die ihre Macht und gewaltigen materiellen und finanziellen Ressourcen nicht für die Bewaffnung des Weltraums und andere lebensbedrohlicher Vorhaben nutzen, sondern für die Beseitigung des Hungers, der Ungerechtigkeiten und Armut einsetzen. Letzteres ist mit Gewißheit das geignetere Mittel um Terror zu begegnen. Doch was ist Ihre Meinung?

Auf Ihre Zuschriften freut sich


Ihr Juri Klugmann

       
     
       

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