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Liebe Leser,
die transatlantische Brücke zwischen der alten und neuen Welt, an
der Generationen von Auswanderern vieler Kulturen, insbesondere auch Deutsche,
mitgebaut haben, ist offenbar ins Wanken geraten. Dabei schien es, zumindest
für einige Zeit, daß mit Ende des Kalten Krieges das Verhältnis
zwischen Amerika und Europa freundschaftlicher sein würde. Wer so
wie ich hoffte, daß die einst durch die Existenz der Supermacht
Sowjetunion entstandene, sehr enge Verflechtung amerikanischer und westeuropäischer
militärischer, wirtschaftlicher und kultureller Interessen in besseres
gegenseitiges Verständnis und eine friedlichere Zukunft münden
würde, sieht sich heute enttäuscht. Zu Recht?
Männer
machen Geschichte. Sie kennen diesen Spruch von Heinrich von Treitschke
bestimmt auch. George W. Bush versucht es nun offenbar dem geistigen Wegbereiter
des Bismarckreiches nachzutun. Ob er als US-Präsident diesem
geflügelten
Satz nicht-amerikanischer Herkunft bewußt oder unbewußt folgt,
müssen Sie, verehrte Leserin, lieber Leser, selbst beurteilen. Tatsache
ist doch nun: Wenn ihm schon seine amerikanischen Wähler und Bosse
der Bosse das Mandat zum Geschichte machen übertragen haben, müssen
wir ihm und seiner Amerika First-Politik als Australier, Afrikaner,
Asiaten oder Europäer deshalb noch lange nicht bedingungslos folgen.
Der französische Präsident Chirac tut es nicht, der australische
Premierminister tut es nicht und Paul Heidecker, unser kanadischer Regierungssprecher,
tat es erfreulicherweise auch nicht. Ich habe mich über Heideckers
an unseren südlichen Nachbarn gerichteten kritischen Worte besonders
gefreut.
Man muß sich fragen, ob der amerikanische Präsident nur falsche
Berater hat oder selbst nicht in der Lage ist, die Weltlage realistisch
einzuschätzen. Vielleicht trifft Beides zu? Neuerdings fürchtet
sich sogar der britische Premier Tony Blair, wie die renommierte deutsche
Tageszeitung Die Welt schreibt, vor amerikanischen Alleingängen.
In Abwesenheit einer bedeutenden territorialen Bedrohung sehen viele
Europäer wenig Veranlassung die amerikanische Hegemonie als Preis
für den Schutz der Amerikaner zu akzeptieren! schreibt das
Blatt. Ich stimme zu, daß die Mehrzahl der Amerikaner derzeit nicht
gewillt zu sein scheint, in Europa viel Mühe zu investieren,
um Köpfe und Herzen für sich zu gewinnen.
Wer sich so unverblümt wie die Bush-Administration über die
Interessen seiner Verbündeten hinwegsetzt, muß sich die berechtigte
Frage gefallen lassen, ob sie überhaupt noch zum Demokratiegedanken
der Väter der amerikanischen Verfassung steht. Was würde wohl
ein Jefferson dazu sagen, wenn er erführe, daß in seinem geliebten
Land nicht nur Bilanzen geschönt wurden und Kleinaktionäre mit
Firmenzusammenbrüche wie Enron in den Ruin getrieben werden, daß
die jetzige Regierung nicht nur der Menschheit zum Wohle dienende Umweltabkommen
wie das von Kyoto stoppt, sondern daß sogar das sorgfältig
nach den Regeln internationaler Gesetze erarbeitete Statut des neu gegründeten
internationalen Strafgerichtshofes vom Weißen Haus blockiert wird?
Warum sollen Kriegsverbrechen, ganz gleich von wem sie begangen werden,
nicht gleichermaßen geahndet werden? Man braucht kein Rechtsgelehrter
zu sein, um festzustellen, daß die Weigerung des amerikanischen
Presidenten und des Pentagon, sich einer internationalen Justiz unterzuordnen,
irrational ist. Wer wird der Regierung eines Landes, welches derartige
Vormachtsansprüche stellt, zukünftig folgen?
Man kann sich nur mehr verantwortungsbewußte Politiker wie Henry
Kissinger wünschen, der kürzlich daran erinnerte, daß
bisher alle Weltreiche in der Geschichte ein mehr oder weniger unrühmliches
Ende fanden, falls sie mit Macht ihren Willen anderen Vòlkern aufzuzwingen
versuchten. Ich teile diese Ansicht!
Gefragt ist heute Besonnenheit statt Großmannssucht. Unsere Welt
ist zerbrechlicher geworden. Gerade wer sich am Steuer der Weltgeschicke
wähnt; sollte sich dessen bewußt sein. Die gewaltsame Bevormundung
anderer Völker läßt sich nur, wie die Geschichte lehrt,
bei Strafe des eigenen Untergangs, wenn überhaupt, verwirklichen.
Die in den letzten Monaten gezeigte Form des American Way of Life
geht mir gegen den Strich. Männer machen Geschichte.
Wenn dieser Spruch tatsächlich zutrifft, wünsche ich mir solche
Männer an der Spitze unserer Weltgemeinschaft, die ihre Macht und
gewaltigen materiellen und finanziellen Ressourcen nicht für die
Bewaffnung des Weltraums und andere lebensbedrohlicher Vorhaben nutzen,
sondern für die Beseitigung des Hungers, der Ungerechtigkeiten und
Armut einsetzen. Letzteres ist mit Gewißheit das geignetere Mittel
um Terror zu begegnen. Doch was ist Ihre Meinung?
Auf Ihre Zuschriften freut sich
Ihr Juri Klugmann
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