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Um 2 Uhr früh am 19. September 1986 erreichte der Regenwasserpegel im Pressezelt
die erstaunliche Höhe von sieben Zentimetern. Nebenan, im feudalen Tagungshotel hüllten sich Minister
und ihre Beamtenschar in warme Wolldecken, war doch die Temperatur auf unter fünf Grad abgesackt.
Dann, gegen fünf Uhr, längst verteilten Ärzte und Hotelpersonal Mittel zur Erkältungsabwehr,
wurde das Kind aus der Wiege gehoben: die Uruguay-Runde des GATT, des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens, war
geboren.
Und so begann im unterkühlten Punta del Este, Uruguay, was zu einem heißen Verhandlungsmarathon werden
sollte. Mit Haken und Ösen, vielen taktischen Finten, auch manch heuchlerischen Bekenntnissen zum “reinen
Geist” des “freien Welthandels” wurde gefeilscht und geschächert.
Endlich, acht Jahre später, im April 1994 wurden in Marrakech die Unterschriften geleistet und am 1. Januar
1995, mit Inkrafttreten des Vertrages zur Gründung der neuen Welthandelsorganisation (WTO), begann die Welt
erstmals ernsthaft darüber nachzudenken, was der Begriff “Globalisierung” wirklich beinhaltet.
Hechtrolle vorwärts: im kommenden November, diesmal in Seattle, in den USA, wird es wieder soweit sein. Beim
freien Welthandel, so einmal der frühere GATT-Generaldirektor Arthur Dunkel, ist es wie beim Radfahren. Wer
nicht rollt, fällt vom Rad. Auf den Welthandel bezogen lautet das Gesetz, wer nicht ständig weiter liberalisiert,
also Handelsschranken beseitigt, bringt das Geschäft über kurz oder lang zum Stillstand. Es beginnt also
eine neue Verhandlungsrunde.
Die Vorteile des ständigen Abbaus der Grenzen sind offenkundig. Sinkende Zölle und freier
Marktzugang sorgen für einen verschärften Wettbewerb, dienen also dem Verbraucher. Aber, da gibt es Nebenerscheinungen.
Schwache Marktteilnehmer können sich neben multinationalen Giganten immer weniger behaupten.
Aktuelles Beispiel: der Handel mit Bananen. Da unterhalten US-Multis in Lateinamerika riesige Plantagen für
ihre “Dollarbananen”, mit denen die Kleinanbauer der Karibik schlicht nicht konkurrieren können. Versuche
der Europäischen Union die Karibik durch Präferenzvorkehrungen zu schützen, sind bei der WTO gescheitert.
Auch für mittlere Länder, wie etwa Kanada, ist Handelsliberalisierung zunehmend problematisch. Da gibt
es umstrittene Schutzvorkehrungen für Erzeuger von Molkereiprodukten und, besonders brisant, ein bilaterales
Freihandelsabkommen mit den USA für die gesamte Kraftfahrzeugindustrie. Wogegen Japan und die Europäische
Union seit Jahren mit zunehmender Härte ankämpfen. Nach Stand der Dinge droht derlei Protektionismus
ein baldiges Ende.
Länder wie Kanada sehen sich noch dazu in die ungewohnte Rolle von Statisten auf der “großen Bühne”
des Welthandels abgedrängt. Obwohl Kanada als erstes Land Verhandlungen über die Schaffung einer Trans-Atlantik-Freihandelszone
forderte, muß Ottawa zur Kenntnis nehmen, daß Brüssel mit Washington und den stärksten Lateinamerikanern
über derartige Verzahnungen redet, nicht aber Kanada in die Gespräche einbezieht. Jedenfalls vorläufig
nicht. Ein merkwürdiger Vorgang dies, hat doch Kanada derzeit den Vorsitz bei Vorverhandlungen zur Schaffung
einer all-amerikanischen Freihandelszone (Free Trade Area of the Americas).
Und bezeichnenderweise findet die Ministerkonferenz über diese FTAA fast zeitgleich mit der WTO-Runde in Seattle,
nur eben im kanadischen Ottawa statt.
Pikant am momentanen Verwirrspiel ist zudem das Fehlen eines US-Mandats zur echten Verhandlungsführung. Der
Kongreß in Washington zeigt sich in keiner Weise geneigt, Präsident Clinton grünes Licht für
den Einstieg in jedwede Verhandlungen geben zu wollen.
J. J. Moskau
| J. Joachim Moskau berichtet regelmäßig für die führende deutsche Wirtschaftszeitung
“Handelsblatt”. |
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