|
Mit dem Startschuß zur Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion
am 1. Januar 1999 entstand einer der größten Wirtschaftsräume weltweit. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt
1998 ist Euroland nun mit rund 11.000 Milliarden DM nach den USA (11.700 Milliarden DM) die zweitgrößte
“Volkswirtschaft” der Welt. Damit rangiert es weit vor Japan – der Nr. 3 – mit einem BIP von umgerechnet 7.270
Milliarden DM.
Mit 290 Millionen Verbrauchern können die Euroland-Unternehmen auf einen größeren Heimatmarkt
zurückgreifen als ihre US-amerikanischen Pendants (USA: 270 Millionen Einwohner). Durch die gemeinsame Währung
dürfte der europäische Binnenmarkt angesichts solcher Dimensionen auch für ausländische Investoren
attraktiver werden. Bisher waren deren Investitionen im EWWU-Bereich nämlich eher bescheiden.
Ein großer Markt
eröffnet zudem den dort bereits ansässigen Unternehmen nicht nur Produktionsvorteile, sog. economies
of scale, sondern auch neue Möglichkeiten bei der Produktentwicklung. Bislang standen die europäischen
Unternehmen häufig vor dem Problem, daß die nationalen Märkte jeweils zu klein waren, um Erfindungen
und Innovationen wirtschaftlich zu erschließen. Neue Produktentwicklungen benötigen in der Regel aber
einen großen Heimatmarkt, um sich durchzusetzen und “exportreif” zu werden. Die Folge: Der bisher relativ
engen nationalen Europa-Märkte wegen wurden folglich Innovationsideen häufig in die USA verlagert und
dort zur Marktreife entwickelt. So werden in den Vereinigten Staaten rund 2,6% des BIP für Forschung und Entwicklung
ausgegeben, während es in Euroland derzeit durchschnittlich bloße 1,8% sind. Damit aber entstanden auch
die mit neuen Produkten verbundenen Pioniergewinne nicht in Europa, sondern jenseits des Atlantiks.
Großraum stabilisiert
Nicht zuletzt die Krisen in Asien und Südamerika zeigen erneut die Anfälligkeit des bestehenden Weltwirtschaftssystems,
die Ansteckungsgefahr für eine Wirtschaftsregion durch andere Regionen. Dieses Phänomen ist letztlich
ein Reflex der hohen Interdependenz des mittlerweile sehr intensiven Außenwirtschaftsverkehrs. Die enge Verflechtung
von Volkswirtschaften miteinander über den internationalen Handel kann sich folglich schnell als Achillesferse
erweisen; dann nämlich, wenn beispielsweise Abnehmerländer in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten
und ihre Importe einschränken müssen. Für Euroland dürften sich diese Gefahren tendenziell
reduzieren. Ohne den Intra-EU-11-Handel, der mit der Einführung des Euro zum Binnenhandel wird, exportierten
die Euroland-Unternehmen 1997 Waren im Wert von rund 1.480 Milliarden DM in Länder außerhalb der – damals
fiktiven – EWWU. Damit machten die Exporte ins Euroland-Ausland rund 13,4% des BIP aus.
Diese Quote liegt deutlich unter dem Durchschnitt der bisherigen einzelnen nationalen Exportquoten, da etwa 60%
der EU-Exporte im Binnenmarkt verbleiben. Damit entspricht die Exportabhängigkeit Eurolands etwa der Ausfuhrintensität
der USA mit 10,2% des BIP.
Konkurrenzfähiger Wirtschaftsraum
Schon heute zeigt sich, daß mit Euroland ein wettbewerbsfähiger Wirtschaftsraum entsteht. Seit 1992
ist der Außenhandelsüberschuß der EU-11-Länder mit dem “Rest der Welt” stetig angestiegen.
Er betrug 1997 fast 250 Milliarden DM, rund 48 Milliarden DM davon entfielen allein auf Deutschland. Auch die gemeinsame
Leistungbilanz der EWWU-Mitglieder schreibt per saldo schwarze Zahlen: 1997 immerhin in Höhe von fast 200
Milliarden DM. Deutschland steuerte dazu immerhin einen Überschuß von 36 Milliarden DM bei. Euroland
ist damit zugleich als Nettokapitalexporteur weder auf ausländische Direkt- noch auf Portfolioinvestitionen
zur Defizitfinanzierung angewiesen. Eine Position, die nicht zuletzt während internationaler Finanzkrisen
die EWWU-Wirtschaft stabilisieren kann.
Diese Konkurrenzfähigkeit muß aber – nicht zuletzt im globalen Wettbewerb mit den anderen großen
Wirtschaftsblöcken – ständig bestätigt bzw. erneuert werden. Unzulänglichkeiten, Fehlentwicklungen
und Mißstände sind flexibel zu korrigieren, auf veränderte Rahmenbedingungen ist angemessen zu
reagieren. Der “Riese” Euroland ist in diesem Sinne keineswegs der “sture Tanker”, der mit geringer Manövrierfähigkeit
einen eingeschlagenen Kurs erst einmal reaktionslos verfolgen muß. Vielmehr kann davon ausgegangen werden,
daß er die für eine “optimale” Wirtschaftsentwicklung nötige Flexibilität seiner wirtschaftspolitischen
Entscheidungsträger aufbringt. Schließlich hat gerade der Westen Europas außenwirtschaftlich viel
Erfahrung und Stehvermögen. Daß die einzelnen Euro-Staaten weiterhin für ihre eigene Wirtschafts-
und Finanzpolitik verantwortlich bleiben, sollte allein schon Garant für ökonomische Flexibilität
sein. Das so respektierte Subsidiaritätsprinzip (soviel wie möglich auf regionaler und so wenig wie nötig
auf zentraler Ebene politisch entscheiden) bietet die Gelegenheit und Chance, über den EWWU-internen Wettbewerb
die nötige internationale Wettbewerbsfähigkeit aller Mitglieder der Währungsunion – nicht zuletzt
gegenüber den anderen Großmächten im Welthandel, den USA und Japan – zu sichern bzw. zu stärken.
Lutz Karpowitz
|
Dieser Textbeitrag wurde verfaßt mit der freundlichen Unterstützung
des UB Volkswirtschaft und der Presse der Bayerischen Landesbank, München
|
|