Wo es von Hollywood bis Hamburg nur ein Katzensprung ist

Der “Schilderwald Germany” im oberfränkischen Hof entwickelt sich zum Besuchermagnet

Deutschland ist bekannt für seine Vorliebe zu Schildern: Ob Verkehrsschilder, Warnschilder, Hinweisschilder, Gebots- oder Verbotsschilder – wo man auch hinkommt, irgend jemand war immer schon da und hat ein Schild aufgestellt.

Ein “Schildervirus” ganz anderer Art jedoch hat die oberfränkische Stadt Hof erfaßt: Schon von Weitem leuchtet dem Besucher eine Ansammlung bunter Schilder entgegen und beim

Klaus Beer (li.) mit Freddy Quinn

Näherkommen findet er sich bald umgeben von Grüßen aus aller Welt: Miami, San Francisco, New York und Los Angeles prangen dicht nebeneinander auf grünem Untergrund, Hof bei Salzburg grüßt seine “Schwester” an der Saale ebenso wie ein Schild-Elch aus Finnland. Ein schwarzes Känguruh auf gelbem Untergrund verweist auf seine Artgenossen, die sich dem Schilde nach auf den “next 10 Miles” aufhalten sollen, und während der Schriftzug “Karl-Marx-Stadt” den einen in “ost-algische” Erinnerungen zurückversetzen mag, lassen Schildergrüße in der Landessprache Sri Lankas den anderen vom nächsten Urlaub träumen.

Der 'Sign Post Forest' (Schilderwald) am Watson Lake im kanadischen Yukon-Territorium

Ein Hauch Fernweh überkommt sicherlich jeden, der den “Hofer Fernweh-Park” besucht. Eine fünfsprachige Eingangstafel lädt ein: in diesem Park können Gäste der Stadt als Gruß oder zur Erinnerung ein Orts- oder Straßenschild, ausgediente Autokennzeichen und sonstige Logos, die auf ihre Heimat hinweisen, oder auch ganz persönliche selbstgefertigte Namensschilder-Grüße anbringen.

Geistiger Vater und Organisator dieses außergewöhnlichen Parks ist der bekannte Hofer Hobby-Filmemacher, Reisebuchautor und Weltenbummler Klaus Beer. Bereits seit über 25 Jahren nutzt er seinen Jahresurlaub, um mit Frau Erika und seiner Kameraausrüstung die Kontinente der Welt zu bereisen und ihre natürlichen Schönheiten und vielfältigen Kulturen zu erforschen. Seine Erlebnisse teilt er dann in Form von Reisefilmdokumentationen auf Großleinwand bzw. Video und Bildbänden mit dem deutschen Publikum. Bei Dreharbeiten zu seinem neuesten Reise-Kulturfilm über Kanada und Alaska stieß er in Watson Lake, einem kleinen Ort in den unendlichen Wäldern Yukons auf den gigantischen “Sign Post Forest”. Über dessen

Leute aus aller Welt bringen ihre persönlichen Schilder zum deutschen 'Schilderwald' im 'Hofer Fernweh-Park'

Entstehung erzählt Beer: “Watson Lake wäre nur ein unbedeutender Fleck auf der Landkarte, wenn nicht in den 40er Jahren ein amerikanischer GI, der am Ausbau des Alaska-Highways mitarbeitete, in der kanadischen Wildnis Heimweh nach Illinois bekommen hätte. Er brannte den Namen seines Heimatortes in ein Stück Holz und nagelte es an einen Pfahl. Andere sahen das Schild, machten es ihm nach und als nach Fertigstellung des Highways die ersten Trucks und Touristen kamen, wuchsen die mit Schildern behangenen Pfosten zu einem regelrechten Wald, so daß heute in Watson Lake über 50.000 Schilder zu bewundern sind. Der ‘Sign Post Forest’ fehlt in keinem Reiseführer und die Touristen scheuen oft Hunderte von Kilometern lange Anfahrten nicht, um durch den Schilderwald zu wandern und sich dort zu verewigen.

” Begeistert davon brachte Beer die Idee mit zurück in seine Heimatstadt, rührte die Werbetrommel, fand Sponsoren und setzte alle Hebel in Bewegung, um einen ähnlichen Schilderwald in Deutschland ins Leben zu rufen. Der Startschuß für das “Wettnageln” in Hof wurde am symbolträchtigen 9. November 1999 gegeben, 10 Jahre nach dem Fall der Mauer. Symbolisch nicht nur deshalb, weil viele ehemalige DDR-Bürger seit der Grenzöffnung nicht mehr von unerfüllbarem Fernweh geplagt werden, sondern auch, weil Hof dadurch geografisch ins “Herz Europas” gerückt ist.

Seither sprießen die “Blätter” an den ersten 26 “Bäumen” des Fernweh-Parks. Zu den ersten gehörten die Schilder der Hofer Partnerstädte ebenso wie der Gruß eines Ehepaars aus Reit im Winkel, das bereits in Kanada 500 km Umweg in Kauf genommen hatte, um ihr Schild in Watson Lake zu hinterlassen, und nun auch ein Schild zur Park-Einweihung in Hof 400 km weit transportierte. Mittlerweile hat sich neben vielen amerikanischen Autokennzeichen auch “Amerika” selbst verewigt. Doch nicht das “Land der unbegrenzten Möglichkeiten” präsentiert sich auf einem Schild, sondern ein gleichnamiger Ort in Sachsen, der etwa 100 Einwohner zählt. Neben unzähligen Ortsschildern von unbekannten Reisenden aus dem In- und Ausland hängen auch ganz persönliche Grüße: “Betty und Jim aus Texas grüßen Hof in Germany”, steht da für jedermann lesbar – vielleicht mit Ausnahme von Hund Bobby, der sich wohl als einziger Vierbeiner glücklich schätzen darf, sein ganz persönliches Schild “Bobby Way” beim täglichen Gassi gehen im Fernweh-Park zu passieren.

Etwa 250 Schilder zieren die Schilderwald-Bäume und jede Woche kommen neue hinzu. Eine ebenso stattliche Schilderzahl wie in Watson Lake wünscht sich Klaus Beer für Hof, und das in möglichst kurzer Zeit: “Ich will nicht 50 Jahre warten, sondern die 50.000-Grenze noch erleben”, gibt er schmunzelnd zu, denn der Schilderwald sei nun mal sein “Baby”, dessen Wachsen und Gedeihen ihm am Herzen liege. Hoffnungsvoll blickt er in die Zukunft: “Der Schilderwald soll irgendwann zum Selbstläufer, zur internationalen Begegnungsstätte werden, so daß irgendwann einmal ein Japaner nach seinem Besuch in Neuschwanstein und Heidelberg unbedingt noch nach Hof kommen will, um dort sein Schild anzubringen.” Eine Begegnungsstätte und ein Besuchermagnet ist er schon heute: Beim Bummel durch den Fernweh-Park treffe ich auf andere Neugierige und komme schnell mit ihnen ins Gespräch, denn Reiseerlebnisse und -träume bieten immer reichlich Gesprächsstoff.

Um den Schilderwald schnell als internationale Touristenattraktion bekannt zu machen, helfen prominente “Schilderspender” aus Kultur, Politik und Sport tatkräftig mit. Deutschlands großer Entertainer Harald Juhnke gehört ebenso dazu wie der Abenteurer und Antarktis-Durchquerer Arved Fuchs, der Bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber oder der Bürgermeister von Los Angeles, der zwar nicht persönlich anreiste, aber das Schild extra für den “Schilderwald Germany” anfertigen ließ. Besonders verbunden fühlt sich Beer mit einem Schild-Geschenk von Freddy Quinn, dem Fernseh- und Bühnenstar der 60er Jahre. Denn er war es, der mit seinen Liedern seinerzeit jene unstillbaren Träume von fernen Ländern in Klaus Beer weckte, die diesen bis heute immer wieder in die Welt hinaus treiben: “Freddy Quinn hat in mich dieses Fernweh gelegt. ‘Fährt ein weißes Schiff nach Hongkong...’ – allein diese Textzeile aus dem Lied ‘Unter fremden Sternen’ ließ mich schon im Kindesalter in Gedanken in fremde Kulturen eintauchen und entfachte jenes Fernweh, dem ich bis heute verfallen bin und das Grundlage aller Arbeiten ist.” Als Symbol dieser Verbundenheit möchte er den Schilderwald Freddy Quinn widmen und damit dessen musikalisches Fernweh-Erbe in “seinem” Park optisch weitergeben und erhalten.

Während er mir Fotos der Prominenten zeigt, betont Beer aber gleichzeitig: “Promis können mit ihren Namen diese Touristenattraktion zwar forcieren, sozusagen Geburtshilfe leisten. Zielgruppe aber sind und bleiben Reisende von nah und fern.”

Einzigartig in Deutschland und Europa, zieht der Fernweh-Park auch die Medien an und jeder, der hier ein Schild anbringt, kann sicher sein: Nirgendwo auf der Welt wird sein Name oder Heimatort so oft fotografiert und gefilmt! Und gerade für Auslandsdeutsche könnte der Fernweh-Park zu einer Art Treffpunkt werden, gibt er doch die Möglichkeit zu einem ganz persönlichen Brückenschlag aus der neuen in die alte Heimat. Deshalb bittet der engagierte Initiator auch alle Leser der Deutschen Rundschau, beim nächsten Besuch persönlich ein Schild anzubringen oder ihre Schilder-Grüße nach Hof zu schicken. Vielleicht kann er dann auch bald das erste Schild aus Kanada annageln, dem Ursprungsland der Idee und Beers beliebtem Reiseland. Er und alle zukünftigen Fernweh-Park-Besucher freuen sich über jedes Schild, denn jedes einzelne wird seinen Teil dazu beitragen, daß das Rauschen des Waldes weithin hörbar wird, über regionale und nationale Grenzen hinaus.

Peggy Wunderwald.

 

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