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Liebe Leser,
Stellen
Sie sich vor, Sie befinden sich auf dem Markt zum Einkaufen. Gemüse,
etwas Obst, vielleicht einen Blumenstrauß. Sie gehen an den Ständen
entlang, prüfen hier die Qualität, schnuppern da an einer Rose.
Plötzlich ein Knall, Schreie, eine Druckwelle reißt Ihnen den
Boden unter den Füßen weg. Nach dem Aufwachen im Krankenhaus
sagt man Ihnen, daß Sie mit Mühe und Not einem Selbstmordattentäter
entkommen sind. Andere auf dem Markt hatten dieses Glück nicht.
Oder stellen Sie sich vor, es ist früher Morgen, Sie liegen noch
im Bett und werden durch dumpfes, stärker werdendes Grollen geweckt.
Sie stürzen zum Fenster. Sie hören schwere Ketten auf der Straße,
bald kommt ein Bulldozer ins Blickfeld, gefolgt von gepanzerten Fahrzeugen,
aus deren Luken Soldaten mit der Waffe im Anschlag auf Sie zielen. Der
Bulldozer fährt genau auf Ihr Haus zu, Sie können gerade noch
beiseite springen, bevor Steine knirschen, Balken fallen, die Kinder im
hinteren Zimmer unter herabstürzendem Mauerwerk begraben sind.
Einem nicht Betroffenen, entfernt Lebenden, fällt es schwer sich
sowohl die eine wie die andere Situation auch nur vorzustellen. Im Nahen
Osten jedoch, in Palästina, sind sie häufiges Vorkommnis. Der
palästinensisch-israelische Konflikt ist ein immerfort schwelender
Brandherd, aus dem gerade jetzt wieder Flammen schlagen, neue Hoffnungstriebe
auf beiden Seiten einäschernd.
Kann es überhaupt Hoffnung auf eine Beilegung des Konflikts geben,
existiert ein Nährboden für vernunftgesteuertes, tolerantes
und friedfertiges Handeln über diesen brodelnden Emotionen, ist es
überhaupt noch möglich, die quasi sich selbst speisende Spirale
aus Gewalt, Angriffen, Übergriffen und Vergeltungsschlägen zu
stoppen?
Anlaß zu Zuversicht besteht wenig. Die israelische Likud-Partei
hat sich neuerdings und eindeutig gegen die Schaffung eines unabhängigen,
souveränen Palästinenser-Staat ausgesprochen und damit eine
Haltung verfestigt, die die Palästinenser brüskiert und die
Fronten weiter verhärtet. Konservative Israelis heute allerdings
schon weit in der Minderheit sahen und sehen in einem selbständigen
Palästinenser-Staat ein Sicherheitsrisiko und versuchen, durch Ausdehnung
ihrer eigenen Grenzen, wie zum Beispiel im Sechs-Tage-Krieg, und die Zersplitterung
palästinensischen Territoriums, dieses Sicherheitsrisiko zu mindern.
Von 1991 bis 2000 stieg die Zahl der Siedler im Westjordanland und im
Gazastreifen trotz des in Oslo vereinbarten Siedlungsstops von 91.000
auf 200.000. Viele der Siedlungen werden direkt neben palästinensischen
Orten errichtet, so entstehen immer neue Reibungsflächen. Ein Straßennetz
unter israelischer Oberhoheit durchzieht das Westjordanland und verhindert
somit die geographische Ausdehnung palästinensischer Siedlungen.
Die Tatsache, daß selbst die Wasserhoheit den Israelis untersteht
und die 1,1 Millionen Palästinenser in den Flüchtlingslagern
des Gazastreifens nicht selbst über diese elementarste Lebensgrundlage
verfügen können, trägt ebenfalls nicht zur Beruhigung der
Lage bei.
Trotz israelischer Besetzung ursprünglich Palästinensischen
Arabern vorbehaltener Gebiete und einer seit Oslo immer wieder verschleppten
Frage der Schaffung eines souveränen Palästinenserstaates sind
die mörderischen Selbstmordattentate durch nichts gerechtfertigt.
Terrorismus, Mord und Totschlag haben noch niemals eine politische oder
andere Frage nachhaltig gelöst und müssen bedingungslos und
sofort aus dem strategischen Arsenal im Nahen Osten gestrichen werden.
Eigentlich gibt es nur eine gangbare Lösung der verfahrenen Situation
im Nahen Osten, und diese kann einzig mit Hilfe, durch Vermittlung und
unter Aufsicht der internationalen Völkergemeinschaft, nicht nur
der USA allein, zustande kommen.
Grundvoraussetzung für eine Verhandlungsbasis muß die Einhaltung
aller einschlägigen UNO-Resolutionen durch Israel sein, einschließlich
Resolution 242 des Sicherheitsrates vom 22.November 1967, die einen vollständigen
Rückzug Israels aus allen im 6-Tage-Krieg besetzten Gebieten vorsieht.
Dieserhalb muß kompromißloser internationaler Druck auf Israel
ausgeübt und notfalls mit Sanktionen untermauert werden. Die Kontrahenten
müssen sich bis zur Verwirklichung noch zu verhandelnder politischer
Ziele einer internationalen Schutz- und Friedenstruppe unterordnen. Weiterhin
ist es einfach unabdingbar, daß sowohl Jassir Arafat wie Ariel Scharon,
ob demokratisch gewählt oder nicht, ihr jeweiliges Mandat zugunsten
eines anderen Volksvertreters aufgeben, denn beide sind als Verhandlungspartner
einfach nicht tragbar.
Arafat hat als ausgewiesener Terrorist selbst Blut an den Händen
und sollte daher das Recht auf Anerkennung als politische und moralische
Vertretung der Palästinenser nicht länger beanspruchen dürfen.
Außerdem ist ihm ein Großteil seiner Autorität beim eigenen
Volke schon längst abhanden gekommen.
Scharon hat mit seinem provokanten Gang zum Tempelberg in Jerusalem die
zweite Intifada ausgelöst und war als israelischer Verteidigungsminister
1981 verantwortlich für den Einmarsch in den Libanon, war auch verantwortlich
für Massaker in palästinensischen Flüchtlingslagern.
Nicht Rachegeschrei und Waffengeklirr, nicht Gewalt und Nötigung,
sondern einzig die gegenseitige Anerkennung des Rechts auf souveräne
Selbstbestimmung, eventuell unter Eingliederung der jeweils anderen Volksgruppe,
führen zu einem beidseitig akzeptablen politischen Abkommen.
Die Gewaltspirale muß angehalten werden, zum friedlichen Miteinander
nicht nur der Menschen im Nahen Osten, sondern im Interesse des Weltfriedens.
Welche Lösung des Nahost-Konflikts, gestützt auf demokratische,
humanistische und völkerrechtliche Prinzipien, Sie denn vorzuschlagen
hätten, wüßte gern
Heidi
Liane Harmat
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