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Liebe Leser, die Debatte ist in vollem Gange, jeden Tag gibt ein Prominenter bereitwillig Auskunft über seinen “Nationalstolz.” Von Guido Westerwelle bis zum Bundespräsidenten, keiner will abseits stehen. Wir sind wieder WER! Wir sind stolz darauf, Deutsche zu sein, diese und andere Parolen sind Tagesmünze. Soll ich in diesen Chor einstimmen? Ich denke nicht. Äußere ich mich kritisch, sehen viele in mir einen “Nestbeschmutzer.” Berufe ich mich nur auf deutsche Kultur und Musik, bleibt die Frage nach der Barbarei des Dritten Reiches unbeantwortet.
Ja, ich gehöre zur deutschen Sprachgemeinschaft. Werde ich dadurch zu einem stolzen Nationalisten? Mangelt es mir an persönlichen Eigenschaften, um mich nur in der Gesellschaft von Ballermännern und Mallorca-Urlaubern wohlzufühlen? Benötige ich einen halben Liter deutsches Bier, um mich so ganz und gar als “Deutscher” zu fühlen? Oder etwa einen geschorenen Kopf, weil mir andere Eigenschaften fehlen, um WER zu sein? Offenbart sich die Dimension meines Nationalstolzes etwa durch meinen sozialen Status? Ist nicht dieser Ausdruck des Stolzes ein Anachronismus im heutigen Europa? Ich denke an die Balkan-Nationalisten, die ihren Patriotismus mit aufgeblähter Brust verkündeten und im gleichen Atemzug Mordbefehle gegen Andersartige erteilten Nach den Befreiungskriegen suchten die Bürger der deutschsprachigen Staaten, durch patriotische Lieder beflügelt, den Ort ihres Vaterlandes. “Was ist des Deutschen Vaterland?”, fragte Ernst Moritz Arndt. Mit der ihm eigenen politischen Naivität umriß er die Grenzen seines Wunschbildes: “O nein, o nein, sein Vaterland muß größer sein.” “Von der Maaß bis an die Memel, von dem Etsch bis an den Belt”, dichtete Hoffmann von Fallersleben. Der eindringliche Wunsch nach einem Gesamtdeutschland, heraus aus der Vielstaaterei der Herzöge und Fürsten, wurde durch den englisch-preußischen Sieg über Napoleon befeuert. Ein neu erwachter Patriotismus erfaßte die Bürger der deutschen Kleinstaaten. Doch erst dem “Eisernen Kanzler” gelang es, ein Deutsches Reich mit fest umrissenen Grenzen zu schaffen. Viele Bürger bedauerten, daß diese Lösung das deutschsprachige Österreich mit seiner ethnischen Vielfalt ausschloß. Durch seine überlegene Politik erzwang Bismarck die kleindeutsche Einigung und schuf am 18.Januar 1871 das Deutsche Kaiserreich unter preußischer Vorherrschaft. Dazu meinte er: “Durch diese Gründung haben wir Deutschen unseren Nachbarn für die kommenden 50 Jahre genug zugemutet.” Meine Vorfahren waren Handwerker und Seeleute. Sie mußten Diener verschiedener Herren sein. Sie lebten unter dem dänischen König, den Preußen und in der Provinz Schleswig-Holstein als Bestandteil des Deutschen Reiches. Meine Nachkommen leben in Kanada und sind stolz auf ihre Herkunft. Sie leben gleichwohl im Verein mit Holländern, Iren, Schotten, Engländern und anderen Nationalitäten. Sie sind Bürger eines liberalen Landes und teilen dies gern mit Menschen aus allen Teilen der Welt, die in Kanada eine neue Heimat gefunden haben. Ich denke, es ist ein Unterschied, ob ich im Verein mit den Mitbürgern auf meine Vorfahren stolz bin, wie die Abkömmlinge anderer Völker es sind, oder mit einem Glatzkopf die Kriegsflagge des Deutschen Kaiserreiches schwenke. Es hat nichts mit Stolz auf meine Heimat zu tun, wenn ich mich als “Deutscher Patriot” aufspiele und im gleichen Atemzug Brandsätze in die Gotteshäuser “fremder Religionen” werfe, oder gar Menschen mit dunkler Hautfarbe zu Tode prügele Ich lobe die geschichtlichen Leistungen meiner Landsleute: Menschen deutscher Abstammung haben zur Kulturentwicklung der Welt Enormes geleistet. Es waren Auswanderer, politisch Verfolgte und aus religiösen Gründen Geflüchtete, die in ihrer neu gefundenen Heimat für Jedermann sichtbare Merkmale ihres Fleißes, ihrer Redlichkeit, ihres Bürger- und Familiensinnes hinterließen und damit unserem Selbstbewußtsein dienlich sind. Zu diesen herausragenden Persönlichkeiten zählen die Wolgadeutschen in Rußland, der Rheinländer Peter Minuit, der 1626 die Insel Manhattan von den Ureinwohnern erwarb, die “1848er” mit Carl Schurz in den USA, Deutsche, die dem Ruf der britischen Königin Victoria nach Ontario folgten, die Lindemanns in Australien, Levi Strauss aus Bayern, der 1850 die erste Bluejeans herstellte, der Unternehmer Heinz, bekannt durch Ketchup, die Schwarzkopfs in der US-Heeresführung und die Kissingers in der Politik. In Amerika berufen sich 23,3% der Einwohner auf eine deutsche Abstammung Heute, im 21ten Jahrhundert, als im Ausland lebender Deutscher, habe ich ein Wunschbild, das mich mit Stolz auf die Bundesrepublik, unser heutiges Deutschland, erfüllt: Der Mauerfall, das “Wir sind ein Volk”, ein Land, in dem alle Bürger die Verfassung respektieren, in dem jeder in der BRD geborene Mensch gesetzlich Deutscher ist. In dem der Gesetzgeber rassen- und religionsneutral ist. Ein Land mit einer stolzen, aber auch beschämenden Vergangenheit, in dem ich bereit bin Verantwortung zu tragen und meinen Bürgerpflichten gesetzlich und moralisch nachkommen kann. Ein demokratisches Land, in dem die politische Macht in den Händen des Bürgers liegt und durch Institutionen fest verankert ist. In dem der Souverän des Volkes die Verantwortung für die Entscheidungen seiner gewählten Vertreter zu übernehmen bereit ist. Ein Land, in dem mir das Recht zur freien Meinung durch seine Verfassung garantiert wird. Auf Ihre Meinungsäußerung – zustimmend oder ablehnend – freut sich Ihr Hans H. Vogt
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