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Zum ersten Mal seit 1945 nehmen deutsche Soldaten wieder an Kampfhandlungen teil. Jahrzehnte lang galt es als ausgeschlossen, daß die Bundeswehr je kämpfen würde, galt doch das atomare Patt der Weltmächte. Das Motto: “Wer zuerst schießt, stirbt als Zweiter” beherrschte das Denken der Soldaten.
Sollte tatsächlich eine Krise ausbrechen, hatten die Soldaten ihren Auftrag, Kriegsverhinderung durch Abschreckung, verfehlt. Zwar wurde der Eid respektiert, der verlangte, die Bundesrepublik Deutschland im Rahmen der NATO gegen einen möglichen Angreifer zu schützen. Doch dieser war aufgrund des gegenseitigen Drohpotentials nicht in Sicht, billigte man doch der Sowjetunion und ihren Verbündeten im Warschauer Pakt so viel Rationalität zu, sich nicht selbst zu vernichten.
Die Veränderungen in Deutschland und der Bundeswehr begannen mit der Auflösung des Warschauer Pakts und der Vereinigung beider deutscher Staaten. Deutschland zur Zeit des Kalten Krieges, angewiesen auf den atomaren Schild der USA und den militärischen Schutz der übrigen NATO-Verbündeten, strebte nun die Position eines gleichberechtigten Partners an. Dafür war es auch bereit, sich innerhalb der NATO militärisch zu engagieren.
Hatte Deutschland am Krieg im Iran nur materiell teilgenommen, so wollte es jetzt vom Stigma des Außenseiters weg. Seine aktive Rolle begann 1991 in Kambodscha mit der Entsendung von 130 Sanitätern, ein Jahr später folgten Hilfsflüge mit Bundeswehrmaschinen nach Sarajewo, gleichzeitig patrouillierte die deutsche Marine mit Zerstörern in der Adria. 1992 kamen die Einsätze deutscher Soldaten in AWACS-Maschinen hinzu, die den bosnischen Luftraum überwachten. Ab 1993 erfolgte der Einsatz in Somalia. 1995 werden deutsche Tornados zur Überwachung des Friedens in Bosnien eingesetzt und seit dem Angriff der NATO auf Jugoslawien auch mit direktem Kampfauftrag in Serbien.
Soweit bisher erkennbar, erfüllen die Piloten ihren Auftrag professionell, zur Zufriedenheit der NATO-Führung. Sie fliegen eingebunden in die Streitkräfte der befreundeten Nationen und haben gerade durch ihre Professionalität sich den Respekt und die Anerkennung ihrer Kameraden erworben. Das war nicht immer so. Zwar galten die Soldaten der Bundeswehr als gut ausgebildet und erfolgreich in internationalen Vergleichen innerhalb der NATO, doch die nötige Härte für einen Kampfauftrag traute man ihnen so richtig nicht zu.
Das hat sich geändert. Heute sind nicht nur die Piloten in Piacenza anerkannt, sondern ihr Beispiel färbt auch auf die deutschen Bodentruppen ab. Kein NATO-Partner zweifelt heute mehr daran, daß deutsche Soldaten in einem möglichen Einsatz ihren Mann stehen.
Dennoch, noch immer ist die schwerste Hürde nicht genommen. Noch ist kein deutscher Soldat im Kampf gefallen, noch hat Deutschland keinen Toten zu beklagen. Bisher ist der Einsatz deutscher Truppen für die deutschen Bürger etwas Abstraktes, das zwar jeden Abend über den Bildschirm flimmert und in den Printmedien ausführlich beschrieben und analysiert wird, zu dem man jedoch nur wenig emotionalen Zugang hat. Das ist zwar anders bei den betroffenen Soldatenfamilien, doch diese wohnen in den militärischen Standorten meist in separaten Siedlungen, in denen sie unter sich sind, mit wenig Kontakt zur übrigen Bevölkerung.
Die Frage: Warum kämpfen deutsche Soldaten im Kosovo?, wird sich u. U. verschärfen in der Frage: Warum sterben deutsche Soldaten im Kosovo? Dieser Frage sind zwei weitere immanent: Welche Ziele verfolgt die NATO? und: Lohnt es sich für diese Ziele Menschenleben einzusetzen? Kurz: Es sind die Fragen nach Ziel und Legitimation des Einsatzes.
Unbestreitbar ist, zumindest nach den vorliegenden Informationen, daß die albanische Bevölkerung aus dem Kosovo vertrieben wird. Es handelt sich allem Anschein nach um eine ethnische Vertreibung, wenn nicht um Völkermord. Die Führungsschicht der Albaner ist, soweit möglich, getötet worden, außerdem ein Großteil der männlichen waffenfähigen Bevölkerung; die übrige Bevölkerung, sowie Frauen und Kinder werden vertrieben und der Nachweis ihrer Identität durch Vernichten aller persönlichen Dokumente zerstört.
Die Europäer und die Vereinigten Staaten von Amerika wollen diese Vernichtung eines Volkes an der Grenze des Machtbereichs der NATO nicht dulden. Sie hätten sich auch für die Achtung der Souveränität Jugoslawiens entscheiden können und die Unterdrückung und Vertreibung der albanischen Kosovaren als innere Angelegenheit Jugoslawiens betrachten können. Sie haben, wie schon vorher in Bosnien-Herzegovina, für die Menschen votiert, für deren Recht auf ein angstfreies Leben in der angestammten Heimat.
Da sich Milosevic nicht auf die Forderungen der NATO einläßt – auf sofortigen Waffenstillstand, den Abzug der Truppen, und die Rückkehr der Flüchtlinge unter internationaler Kontrolle – soll er mit Waffengewalt dazu gezwungen werden. Dazu gibt es z. Z. scheinbar keine Alternative, da die diplomatischen Bemühungen gescheitert sind und sich Rußland bisher weigert, die NATO-Forderungen zu unterstützen.
Die deutschen Soldaten scheinen die Gründe für den Krieg zu akzeptieren, jedenfalls ist kein Aufbegehren in den Kasernen zu vernehmen. In den Berichten der Presse, in den Interviews mit betroffenen Soldaten, ist nur wenig Zweifel zu spüren, ob der Einsatz denn gerechtfertigt sei. Vielmehr scheint die Einstellung zu überwiegen, daß es wichtig ist, ein gleichwertiges Mitglied im Bündnis der NATO zu sein und für einen guten Zweck zu kämpfen. Zudem braucht man nicht mehr verschämt zur Seite zu sehen oder peinlich berührt zu schweigen, wenn Amerikaner, Engländer und Franzosen von ihren Kriegseinsätzen sprechen. So werden der Glauben an das richtige Ziel und die Steigerung des Selbstwertgefühls zur Legitimation des eigenen Handelns.
Der Wille der Politik einen akzeptablen Frieden für die Kosovaren zu erreichen und die ethnische Vertreibung und die damit verbundenen Greueltaten durch Milosevics Soldateska zu beenden, ist das Motiv für den (gerechten) Krieg. Zudem geht auch nicht um einen Eroberungskrieg, nicht um die Vernichtung des Gegners, sondern um Wiederherstellung des Friedens und der damit verbundenen Sicherheit für ein geschundenes Volk.
Dennoch bleiben Zweifel. Die NATO hat den Souveränitätsbegriff nach Art. 2 (2) der UNO-Charta, nach dem jeder Staat auf seinem Territorium die Hoheitsgewalt ausübt und seine Angelegenheiten ohne Eingriff von Außen regelt, durch eine als Ziel formulierte ethnische Ordnung ersetzt. Danach kann nicht hingenommen werden, daß unter dem Deckmantel der Souveränität ein Völkermord verübt wird. Doch diese Ordnung kann nicht einmal überall im Machtbereich der NATO durchgesetzt werden. Man denke nur an die Kurden in der Türkei. Noch weniger gilt dieser Anspruch für die übrige Welt, insbesondere dort, wo der NATO-Anspruch auf die Ablehnung der übrigen Großmächte, wie z. B. Rußlands und Chinas stößt.
Zweifel sind auch angebracht, wenn man Rationalität bei den Politikern als Maxime ihres Handelns unterstellt. Kaum ein Krieg hat in seinem Endergebnis zu einer besseren (Welt) Ordnung geführt oder zumindest den bisherigen Status erhalten. Dennoch ist die christliche oder auch buddhistische Forderung, dem Bösen nicht mit Gewalt zu widerstehen, für die meisten Menschen und auch für Politiker nicht in politisches Handeln übertragbar. Noch immer gilt für Regierungen bei der Durchsetzung der eigenen Position, von der sie glauben, zu recht oder zu unrecht, daß sie legitimiert sei, vielfach das Machtprinzip.
Der Glaube, auf der richtigen Seite zu sein, wird von den Soldaten als ihre politische und ethische Position übernommen. Kritik ist von ihnen kaum zu erwarten, solange die eigenen Opfer gering bleiben, keine eigenen Toten zu beklagen sind und auch das Leiden der Zivilbevölkerung der gegnerischen Seite akzeptabel erscheint. Sie wird erst dann laut werden, wenn das Mittel nicht mehr dem Zweck entspricht, tatsächlich oder auch nur aus subjektiver Sicht. Dann, wenn der Sohn, Ehemann oder Vater nicht mehr zurückkommt oder an Psyche und Leib so verwundet ist. Insbesondere, wenn dies massenhaft geschieht. Oder auch dann, wenn das Leiden des Gegners als nicht mehr akzeptabel erscheint. Erst bei einer solchen Belastung wird sich übrigens zeigen, wie gut die deutschen Soldaten und die deutsche Bevölkerung auf den Krieg vorbereitet sind.
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