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Clausewitz schreibt in seinem berühmten Werk “Vom Kriege”: “Der Krieg einer Gemeinschaft – ganzer Völker, und namentlich gebildeter Völker – geht immer von einem politischen Zustand aus und wird nur durch ein politisches Motiv hervorgerufen”. Und an anderer Stelle: “Der Krieg ist die bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln” und gleichzeitig “ein Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen”.
Über die politischen Motive, die zum Kriege führen, gibt es naturgemäß unterschiedliche Auffassungen. Nicht streiten kann man mit den Mächten, die ihre Kriege aus religiösen Motiven heraus beginnen, es sei erinnert an den Glaubenskrieg im Iran oder den der Taliban in Afghanistan. Wer sich auf die höchste Instanz überhaupt, nämlich Gott beruft, der kennt auch die Wahrheit und ist von der Richtigkeit seines Tuns überzeugt, selbst bei völliger Niederlage.
Anders sieht es bei Motiven aus, die von einer Verbesserung des politischen Status quo ausgehen und bei denen in der Regel eine Mittel – Zweck – Relation gilt. Hier herrscht die Auffassung, daß man mit akzeptablen Mitteln einen Vorteil erreicht, der die zu erwartenden Verluste übersteigt. Werden die Verluste größer als der zu erwartende Gewinn, ist es logisch, den Krieg zu beenden, da sich sein Ziel nicht mehr erreichen läßt. (Daß fast alle Kriege trotzdem nicht beendet wurden, liegt an der fehlenden rationalen Einsicht der Herrschenden, die aus Verzweiflung und wegen des Verlustes der eigenen Machtstellung und u. U. des eigenen Lebens, zu amoralischen Hasardeuren wurden.)
Clausewitz geht in seiner Darstellung vom Kriege davon aus, daß die kriegsführenden Parteien prinzipiell ebenbürtig sind. Traditionell geführte Kriege waren insofern auch nicht total, es kämpfte die wehrfähige männliche Bevölkerung, während die übrige Zivilbevölkerung nach Möglichkeit geschont wurde. Beide Seiten akzeptierten Kriegskonventionen, wie z. B. die Haager Landkriegsverordnung. Das bedeutete die Anerkennung bestimmter Regeln und gemeinsamer ethischer Grundsätze (z. B. Schonung des verwundeten kampfunfähigen Feindes und nach Möglichkeit der Zivilbevölkerung). Erst seitdem diese gemeinsame Basis verlassen wird und Kriege als Vernichtungsfeldzüge gegen unwertes Leben geführt werden (Rußlandfeldzug der Deutschen Wehrmacht), oder unter dem Deckmantel von Polizeiaktionen ethnische Säuberungen und Völkermorde erfolgten, ist der Krieg totalitär und insgesamt kriminalisiert. Der Gegner wird nicht mehr als Mensch geachtet.
Nun erscheint es richtig und moralisch vertretbar, wenn gegen Regierungen oder Despoten, die Ausrottungsaktionen, ethnische Säuberungen oder Völkermord praktizieren und dabei die primitivsten sittlichen Gebote gegenüber dem anderen Menschen mißachten, kriegerische Maßnahmen ergriffen werden, um das Übel zu beenden.
Aber es gibt Einschränkungen: Manche Übergriffe sind nicht zu stoppen, sei es, weil die Ausführenden zu mächtig sind, oder weil sie sich unter den Schutz mächtiger Staaten befinden. Oder weil es nicht opportun erscheint, bestimmte politische Konstellationen zu verschieben, da sich daraus ein Nachteil entwickeln könnte. Immer dann, wenn eine rationale Überprüfung der Mittel – Zweck – Relation zu einem Ergebnis kommt, daß der Einsatz der materiellen oder immateriellen Mittel zu hoch ist, wird eine militärische Lösung verworfen. Das heißt nicht, daß nicht eine politische Lösung gesucht wird, aber es bedeutet u. U. für lange Zeit die Erhaltung eines an sich nicht gewollten Status quo. Konkret: Das Leiden der betroffenen Menschen wird hingenommen als das sogenannte kleinere Übel.
Auch Menschen, die Gewalt grundsätzlich ablehnen, sind naturgemäß gegen jede kriegerische Auseinandersetzung. Sie gehen davon aus, daß sich kein Einsatz von Waffen lohnt. Auch in diesem Fall wird das Leid der betroffenen Menschen als das kleine Übel hingenommen. Ihr berühmtester Vertreter ist Ghandi, der für gewaltfreien Widerstand plädierte. Kommt es zum Krieg, dann muß man davon ausgehen, daß bei aller Rücksichtnahme auch Unschuldige getötet werden können. Wer den gewaltsamen Widerstand gegen offensichtliches Unrecht will, muß sich bewußt sein, daß darin beinhaltet sein können persönliches Martyrium, sowohl auf psychischer als auch körperlicher Ebene. Und er muß wissen, daß gegenüber den Befürwortern von Menschlichkeit der amoralische Gegner den Vorteil hat, ohne Rücksicht auf die Folgen kämpfen zu können. Zögern, Zweifel, Bedenken, Humanität sind für ihn Zeichen von Schwäche.
Max Weber hat ein Begriffspaar entwickelt, das zumindest hilft, die eigene Position zu analysieren und u. U. zu legitimieren: Gesinnungsethik und Verantwortungsethik. Gesinnungsethik ist eine ethische Handlung, die die Richtigkeit des Handelns in erster Linie aufgrund von Überzeugungen und nicht in Hinblick auf die zu erwartenden Folgen beurteilt. Verantwortungsethik ist eine ethische Handlung, die primär die Richtigkeit des Handelns nach seinen vorhersehbaren Folgen und nicht nach den ihm zugrunde liegenden Motiven beurteilt. Doch welche Positionen man auch einnimmt, fast immer muß man negative Folgen in Kauf nehmen. Eine lupenreine Legitimation gibt es nicht.
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