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Liebe
Leser,
wie war das doch nochmal mit dem Monat Mai? Zeit der Erneuerung, der schneller
fließenden Lebenssäfte in Mensch, Tier und Pflanze Liebeslust
und Spargelzeit.
Als Nicht-Landwirt begegnet man dem Mai vorwiegend auf romantischer Ebene,
was schon mal Fehlanzeige ist, denn der Wonnemonat ist nur
eine hoffnungsfrohe Umbesetzung des ursprünglichen Weidemonds:
das Vieh kommt auf die Weide, allerdings möglichst erst nach den
Eisheiligen, die gelegentlich noch mitten in der Obstblüte zuschlagen.
Die Arbeit der Bauern hat längst begonnen, die Saat ist in der Scholle,
doch die knapper werdenden Vorräte in den Scheuern können erst
zur nächsten Ernte neu aufgefüllt werden.
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Ja, die neue
Ernte, wie wird sie ausfallen, wie gedeiht das Schlachtvieh, wie stehts
um Bodenqualität und Weinrebe? Sie meinen, das sei nicht unser Problem?
Wir wollen die Wonnen dieses Monats genießen, bei Bordeaux, Filet
und dickem Spargel. Nichts dagegen einzuwenden, doch mir geht nicht nur
die grüne Bohne gelegentlich quer runter, wenn ich an die Folgen
einer industrialisierten Landwirtschaft denke, an Nitrate und Pestizide
im Grundwasser, an Rückstände von Antibiotika im Fleisch, an
Dioxine und Salmonellen im Geflügel, an genetisch manipuliertes Getreide
und BSE.
Mir wird ärmlich zumute beim Gynäkologen, der mir sagt, daß
das Brustkrebsrisiko durch die Hormonüberschüsse vor allem in
der Kuhmilch in den letzten Jahrzehnten deutlich angestiegen ist, daß
er mir dringend anrät, Milch und überhaupt Lebensmittel nur
noch beim Ökobauern zu kaufen. Ja, aber wer soll das denn bezahlen?
Unsere Gesundheit, und vor allem die der nachfolgenden Generationen, basierend
auf gesunder, natürlicher Ernährung, scheint zum unerschwinglichen
Luxusgut zu werden. Kleinere und mittlere Bauernhöfe, weltweit noch
immer die Mehrheit, haben zunehmend Probleme, angesichts der Globalisierung
der Lebensmittelherstellung und der agrarpolitischen Rahmenbedingungen
noch umwelt- und sozialverträglich zu wirtschaften und damit zu überleben.
Also produzieren sie wesentlich teurer als die industrielle, chemie-intensive
Landwirtschaft, wo das Vieh im Mai eben nicht mehr auf die Weide kommt,
wo hemmungslos und marktorientiert gespritzt, gedüngt und gepfercht
wird. Das belastet die Umwelt und mindert die Lebensmittelqualität,
aber zu viele Bauern können angesichts sinkender Erzeugerpreise nicht
mehr anders. Und wir als Konsumenten stehen ebenfalls unter Leistungsdruck
zeitraubende, teure Exkursionen zu obskuren Ökobauern sind
einfach nicht drin.
Aber ist kurzfristige Kostenminimierung angesichts der enormen Folgekosten
für Umweltzerstörung durch zu intensive und einseitige Produktion
und Reduktion der Artenvielfalt, für erhöhte Ausgaben im Gesundheitswesen,
für die Entvölkerung ganzer Landstriche und den damit einhergehenden
Kulturverlust tatsächlich eine sozial verantwortliche Vorgehensweise?
Unüberschaubares Konfliktpotential gar ergibt sich aus der Tatsache,
daß mittlerweile die wichtigsten Ernährungspflanzen der Welt
als Patente in den Händen einiger weniger transnationaler Unternehmen
liegen, deren neue Gentechnologien ganze Staaten in ihrer Wirtschafts-
und Agrarpolitik erpreßbar machen.
Wenn unsere Kinder und Kindeskinder, mit schwerwiegenden Gesundheitsproblemen,
mit zerstörter Umwelt und entwerteter Kultur belastet, uns dereinst
fragen, ob wir um den schlechten Zustand unserer Lebensgrundlagen wußten
und ob wir etwas gegen die Zerstörung unserer Umwelt getan haben,
müssen wir ihnen Rede und Antwort stehen.
Also nehmen wir uns doch vor, jetzt im Mai, dem Monat der Erneuerung,
auch unsere Haltung dem gegenüber zu erneuern, was wir selbst
im Wonnemonat bei Kerzenschimmer und verträumter Musik so
an Nahrungsmitteln konsumieren. Und als Anfangsgeste schließe ich
mich den lauter werdenden Forderungen nach flächendeckender Ökologisierung
der Landwirtschaft an. Dann erst werden biologisch angebaute Nahrungsmittel
auch erschwinglich.
Was Sie dazu meinen, wüßte gern
Heidi
Liane Harmat
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