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Zu Weimar, dem Musenwitwensitz, Da hört ich viel Klagen erheben, Man weinte und jammerte: Goethe sei tot, Und Eckermann sei noch am Leben!
Heinrich Heine |
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 Am 28. August dieses Jahres begeht die europäische Kulturstadt Weimar den 250. Geburtstag des Mannes, ohne den sie ein kleines, verschlafenes Provinznest in den Thüringischen Wäldern geblieben wäre. Und in der Tat ist Goethe ein Ereignis mindestens der europäischen Kultur. Wir nutzen die Gelegenheit, uns in einer losen Reihe von Beiträgen mit biographischen und künstlerischen Aspekten dieser singulären Gestalt der Weltkultur zu befassen.
Am 20. September des Jahres 1792 sind die Herren bei Valmy einigermaßen ratlos. Die fürstliche Allianz gegen die Truppen der Französischen Revolution hat die vollmundig angekündigte Bataille nicht gewonnen, was so gut ist als verloren. Ratlosigkeit aber, überlieferte Ratlosigkeit, rechnet nicht zu den Geisteszuständen, die der anwesende Herr von Goethe zu schätzen pflegt. Und so behauptet er, bald dreißig Jahre später, einen unbelegten Weitblick: “Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen”. Die Geschichte steht wohl für das Psychogramm eines singulären Genies, das, neben vielen anderen, sich auch auf die Kunst der Selbst-Stilisierung verstand. Ein solcher Mensch, zumal, wenn er so in die Jahre und aus der Mode geriete, müßte einen anderen hoch schätzen, der, mit einigem Geist versehen, sich dieser Aufgabe mit dankbarer Wollust zu unterwerfen willens war, einen Mann, der sich dienend den Maßgaben des Dichters so ganz, so rückhaltlos anzuverwandeln den Willen besäße. Dieser Mann wird am Tag nach Valmy geboren, in Winsen an der Luhe.
Es war am 10. Juni 1823, daß die beiden Männer einander das erstemal begegneten. Es war der Tag, der dem Sohn eines Hausierers, der sich einige Bildung erschuftet hatte, als Verkünder seines Gottes in die Unsterblichkeit befördern sollte. “...ich fühlte”, schreibt Johann Peter Eckermann unter dem 10. Juni 1823, “daß er es überaus gut mit mir im Sinne hatte”. In der Tat, er kam nicht unwillkommen, |
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 seine Schrift “Beiträge zur Poesie, mit besonderer Hinweisung auf Goethe” hatte ihm dem Alten, 1823 keine Selbstverständlichkeit mehr, empfohlen als einen glühenden, rückhaltlosen Verehrer, seine Erfahrungen “im administrativen Fache” – Eckermann war als Schreiber erfahren –, als einen Menschen von redlicher Disziplin, es war eben just der Mann, den Goethe für seine Zwecke benötigte, ein Jünger, dem er die “Redaction von Papieren übertragen könnte, welche selbst zu leisten man wohl die Hoffnung aufgeben muß”. Und so übergibt er dem Hocherfreuten zu ihrer zweiten Begegnung die schon bibliophilen “Frankfurter Gelehrten Anzeigen”, 50 Jahre alt, mit der Beauflagung, seine ungezeichneten Arbeiten daraus zu selektieren. Und Tage später kommen elf Hefte von “Kunst und Altertum” hinzu... Und so geht es fort und fort, neun Jahre lang, etwa eintausendmal sind sie einander begegnet. Johann Peter Eckermann, als er 1854 stirbt – es ist das Jahr, in dem erstmals Teile des zweiten “Faust” auf einer Bühne erscheinen –, hinterläßt das Denkmal Goethe und die Frage, was das Glück wohl sei. Die unerfahrene Unsterblichkeit ist es nicht.
Die “Gespräche”, 1836 erstmals erschienen, waren kein Erfolg. Die Zeit kannte wenig Verwendung für das behagliche Wägen des alten Mannes, das “junge Deutschland” war anders verfaßt, es brauchte seine Zeit, bevor Goethe Teil des bürgerlichen Behagens werden konnte. Und als er es war, als das olympische Denkmal, das Eckermann errichtet mit der bewundernden Haltung eines liebenden, verehrenden Kindes, als eben diese Haltung die bürgerliche Welt behaglich zu schmücken begann, da war Eckermann nicht mehr von dieser Welt. Er konnte nicht ahnen, ähnlich wie Salieri im Gefolge Mozarts, selbst zur literaischen Gestalt nobilitiert zu werden: als ein Exempel auf die soziale Figur des rückhaltlos dienenden, sich vollkommen hingebenden Menschen, als Parodie und als Schmerzensmann.
Man wird, dieses Bewußtsein ist so alt noch nicht, die komponierten “Gespräche” im Detail nicht als ein authentisches Dokument zu lesen haben – wenngleich ihre Grundgestimmtheit kaum einem Zweifel unterliegt –, oder, wenn schon, als das Dokument einer Liebe und Verehrung, das sich selbst in der sprachlichen Gestalt dem ruhig fließenden Gleichmaß seines frei erwählten Gottes anverwandelt. Und es darf für die Lektüre dieser Goethe-Bibel gelten, was Eckermann von seinem letzten Gespräch, März 1832, überliefert: “Übrigens, echt oder unecht sind bei Dingen der Bibel gar wunderliche Fragen...dennoch halte ich die Evangelien alle vier für durchaus echt, denn es ist in ihnen der Abglanz einer Hoheit wirksam...”.
Es ist wohl dieser Glanz, für den sich die Nachwelt bei Johann Peter Eckermann bedankt mit einem Hauch Unsterblichkeit. Das Glück post mortem aber gibt es nicht für Menschen.
Henryk Goldberg
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