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Und nun auch in der Deutschen Rundschau? Ob es sich um Tierkrankheiten, bewaffnete Auseinandersetzungen, die deutsche Rechtschreibung oder die Beckers handelt, ein Thema wird von der breiten Masse der Medien aufgegriffen und wächst sehr schnell zum Gegenstand kollektiver Empörung heran. Umweltkatastrophen sind neben den Bestsellern “das Böse” (Hussein, Milosevic), der moralische Zerfall (Kinderpornographie, Gen-Manipulation), Niedergang der deutschen Kultur (Überfremdung der deutschen Sprache) oder Rechtsradikalismus und Fremdenhaß fester Bestandteil dieser Massenempörungswellen, die mit schöner Regelmäßigkeit über das Land schwappen.
Was passiert: Jeder ist empört, muß empört sein, denn die Neue Empörung ist gerade “in” – bis zur nächsten Welle über das nächste Thema. Die Politiker hecheln mit sysiphoshafter Eifrigkeit jedem neuen Empörungstrend nach, jeder, der meint, sein Gesicht in eine Kamera halten zu müssen, gibt seine Betroffenheit kund und schaut sich dabei schon nach dem nächsten Thema um, über das sich so schön und im Einklang mit allen Gutmeinenden und Selbstgerechten empören läßt. Waren Sie heute schon empört? Was nicht passiert: Eine Analyse der tatsächlichen Umstände, ein Herausarbeiten der Ursachen, eine objektive Bewertung der Folgen, seien diese schon eingetreten oder nur zu erwarten – mit einem Wort Aufklärung. Monate nachdem die Empörungseuphorie abgeflaut ist, erfahren wir im Kleingedruckten, daß das Böse nicht so bös war und das Gute nicht so gut wie ursprünglich dargestellt (siehe Irak, Serbien / Kosovo). Verstehen Sie mich nicht falsch: Nicht die Mißstände, die zur Empörung geführt haben, sollen gutgeredet werden, die Empörungseuphorie, die den Blick für die Realität, die Objektivität und die Angemessenheit der Reaktion verstellt, steht am Pranger. Das Empörungskartell aus Infotainment und Politik (ist da ein Unterschied?) hält seine Konsumenten dumm. Es produziert eine Empörungswelle nach der andern und agiert mit drastischen Maßnahmen wie Krieg oder einem neuen Untersuchungsausschuß und größter Betroffenheit auf den Gegenstand der von ihm geschaffenen Empörungswellen. Die Konsumenten der Empörung sind auch empört und verlangen nach vier Wochen nach neuer Empörung – unabhängig von der Realitätsnähe oder der Schwere des Einzelfalles: Waren Sie heute schon empört? Was ist zu tun: Erst mal ein Rückblick: In den vorangegangenen zwei Abschnitten habe ich mich über die Empörung empört: der Anfang der Empörungsspirale, Empörung über die Empörung über die Empörung… Dann: Ich denke nicht, daß dies hilft. Was Not tut, ist Aufklärung, die Entlarvung der Mechanismen der Empörungseuphorie, die Suche nach den objektiven Umständen, die Bildung und Ermunterung unabhängiger Urteile. Wer soll damit beginnen: Es ist sicherlich nicht sehr realistisch, von der Masse der Politiker oder Massenmedien zu erwarten, daß sie vorangehen. Der Konsument muß beginnen, sich auf seine Würde zu besinnen, sich dem Empörungskartell entziehen und diesem auf dem Stimmzettel, durch den Nichtkauf von Nachrichten eine Abfuhr erteilen. Es ist nicht bequem, es erfordert eigenständiges Denken, Kreativität, Suche nach Informationen, aber es ist bei weitem befriedigender als das Mitschwimmen in der Dummheit der allgemeinen Empörung – und es hilft wirklich der Sache. Ich hoffe, Sie enttäuschen mich nicht. In diesem Sinne: Empören Sie sich nicht über den neuesten Skandal, denken Sie mal selbst nach! Hermann Geiger |
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