“Braindrain” – Eine tickende Zeitbombe

weit gravierender aber ist die offenkundige und sich beschleunigende Abwerbung aus Ländern der Dritten Welt. Beispiel “Computer Scientists”: Zwischen 1986 und 1996 verlor Kanada zwar an die USA 1400 dieser Fachleute und konnte gleichzeitig “nur” 860 Amerikaner ins Land der Ahornbäume locken. Aber: aus der Dritten Welt, sowie teilweise auch aus Osteuropa, wanderten 26.000 Computerleute ein. Bei Ingenieuren ist das Mißverhältnis ebenso drastisch. Hier steht ein Grenzwechsel aus Kanada in die USA von 5470 einem Zuzug aus den USA von 769 gegenüber. Aus Übersee aber wanderten gleichzeitig 37.121 Ingenieure ein.

“Im Endeffekt profitieren die Industrieländer des Nordens von der Misere auf der südlichen Erdhälfte...”

Probleme durch eine schleichende Wanderungsbewegung aus der Dritten in die Erste Welt?

Das beherrschende Thema der letzten zehn Jahre, nach Ende des kalten Krieges, ist der Kampf um Arbeitsplätze. Selbst Umweltschutz, Wirt-schaftskriminalität, Terrorismus und Drogenhandel, sogar Haushaltspolitik und Staatsverschuldung werden im unerbittlichen Wettbewerb um Beschäftigungs-politik auf die Plätze verwiesen.

In der USA gibt man bis $50.000 für jeden Arbeitsplatz an Steuergeldern ausWenn es darum geht, “Jobs” zu schaffen, dann geben US-Staaten bis zu $50.000 an Steuergeldern für jeden Arbeitsplatz aus, den Konzerne wie Daimler Benz und BMW bei ihnen auf der “grünen Wiese” schaffen. Erwerbslosigkeit, so sehen dies Politiker in aller Welt, führen zu sozialen Spannungen, die rasch vom lautstarken Protest zum gewalttätigen Umsturzversuch führen können.

Vor diesem Hintergrund zeichnet sich ein relativ neuer und gefährlicher Trend ab, der in der internationalen Diskussion noch zu wenig beachtet wird: die schleichende Wanderungsbewegung nämlich aus der Dritten in die Erste Welt. Also zum Beispiel aus bevölkerungsreichen asiatischen Staaten nach Nordamerika, aus Ost- und Mitteleuropa in die Wachstumszentren der Europäischen Union.

Zu diesem Problem hat jetzt der Internationale Währungsfonds in einer vertraulichen Studie bezogen auf Kanada alarmierende Zahlen vorgelegt. Zwar bestätigt der IWF, daß Kanada seit Jahren und mit zunehmender Tendenz hochqualifizierte Fachkräfte in die USA “exportiert”, dafür aber noch weit mehr “professionals” aus der Dritten Welt “importiert”.

Der “Braindrain”, also die Abwanderung dringend benötigter Fachleute, hat demnach zwei Dimensionen: erstens gibt es einen unübersehbaren Grenzwechsel von einem G-7-Land ins andere,


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Hinter jedem Ortswechsel von Bombay oder Hongkong nach Vancouver oder dem “Silicon Valley North”, also Kanata bei Ottawa, steht ein Nettoverlust für das Auswanderungsland und umgekehrt ein Gewinn für die Erste Welt.

Der Währungsfonds legt auch hierzu neue Zahlen vor. Demnach erlitt Kanada zwischen 1982 und 1996 einen “Sozialkapitalverlust” von umgerechnet USD $12,5 Milliarden. Dies die “Kosten” des Auswanderungslandes für Schul- und Fachausbildung, sowie sonstige Aufwendungen, zum Beispiel des Gesundheitswesens. Da die Wanderbewegung aber viel stärker zulasten der Dritten Welt geht, sind die dortigen “Verluste” vergleichsweise wesentlich höher. Im Endeffekt profitieren die Industrieländer des Nordens von der Misere auf der südlichen Erdhälfte.

Natürlich muß diese bedrohliche Entwicklung der geistigen Verarmung der ohnehin benachteiligten Dritten Welt noch vor einem anderen Gesichtspunkt gesehen werden. Warum, so läßt sich fragen, erlauben China und Indien derartige “Verluste”? Warum schieben sie der Abwanderung keine Riegel vor?

Eine der Antworten ist sicher, weil man auf diese Weise ein Ventil zur Befriedung der Bevölkerung schafft. Lieber läßt man potentielle Unruhestifter ziehen und verhindert so ein Aufstauen der Frustration angesichts der weniger befriedigenden Lebensverhältnisse in Kalkutta und Schanghai, oder auch in Moskau und Warschau.

Womit sich jetzt, im neuen Jahrtausend, pikanterweise genau das wiederholt, was es schon mehrfach gab, nämlich eine starke Wanderbewegung zwischen den Kontinenten. Das war so nach der Revolution von 1848, als auch viele Deutsche nach Nordamerika zogen. Und das gab es wieder Ende des 19. Jahrhunderts, als sich in Osteuropa die Schleusen öffneten. Und zuletzt noch einmal Anfang der 50er Jahre, als in Deutschland plötzlich wieder der Wehrdienst drohte.

J. Joachim Moskau