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Liebe Leser, die letzten Monate haben uns viele, zu viele böse Überraschungen beschert. Ob es Nachrichten über neue BSE-Fälle und Massennotschlachtungen von Rindern, risikobehaftete Eingriffe ins menschliche Erbgut, gewagte Gen-Manipulationen an Pflanzen und Tieren, Atommülltransporte durch Städte und Dörfer waren, oder es Meldungen über den von sinkenden, schrottreifen Tankern verursachten Ölteppich vor den Galapagos-Inseln und dichtbevölkerten Küstenlandschaften sind: Wer aufmerksam die sich häufenden Berichte über menschliche, Natur- und Umweltkatastrophen in den Medien verfolgt, weiß, daß in der Kette “Mensch-Natur-Umwelt-Mensch” der Mensch das schwächste Glied dieser Kette ist. Trotz nicht abreißender Warnungen von verantwortungsbewußten Wissenschaftlern und Technikern, Naturschützern und Politikern, Bauern und Tierliebhabern, ja trotz des zweifellos gewachsenen Umweltbewußtseins vieler Bürger ist Fakt: Eine durch “menschliches Versagen” erzeugte oder beeinflußte Umweltkatastrophe löst weiterhin die andere ab. Folgt der Schweinepest der scheinbar noch unerklärliche Rinderwahnsinn, eine neue Tierepidemie der vorherigen.
Unbegreiflich ist, daß diese “Spezis” offenbar spürbare Konsequenzen für ihre verwerflichen Machenschaften kaum zu fürchten haben, daß für Verursacher von materiellen Schäden, von menschlichem und tierischem Leid harte Strafen oft ausbleiben. Mir genügt es nicht, daß die Urheber von Katastrophen oder mißglückten Experimenten an Mensch, Tier und Pflanze im nachhinein, wenn überhaupt, abgeurteilt werden. Besser wäre, wenn sie schon bei der Planung ihrer Tat gestoppt würden. Der Mentalität: “Das Kind ist versehentlich in den Brunnen gefallen und nun schnell den Deckel zu und Schwamm drüber” muß endlich Einhalt geboten werden! Die Androhung harter Strafen hätte auch vorbeugenden, warnenden Charakter. Ohne harte Strafen tickt diese Zeitbombe weiter. Es ist an der Zeit, Nein zu sagen, wenn unter Ausschluß der Bürger nur in, oft der Wirklichkeit entrückten, Expertenkreisen darüber debattiert und entschieden wird, wo die moralischen und ethischen Grenzen des technologischen Wachstums abzustecken sind. Jetzt mehr denn je sollten wir unsere Meinung in dieser wichtigen Angelegenheit öffentlich kundtun. Uns in aller Welt dazu Gehör verschaffen. Bürgerinitiativen und Medien, Sie und wir, müssen gemeinsam verhindern, daß diese sensiblen, lebenswichtigen Entscheidungen nur Politikern, Unternehmern und selbsternannten Fachgremien überlassen werden. Wie bereits vor mehr als hundert Jahren von englischen und deutschen Ökonomen richtig erkannt, bringt hemmungslose Profitgier das vernunftbegabte Einzelwesen nicht nur um den Verstand, sondern uns möglicherweise alle ums Leben. Verleitet nicht auch heute die Aussicht auf tausendfachen Gewinn zur Skrupellosigkeit bis hin zum Verbrechen? Oder gar bis zur Totengräberei zukünftigen menschlichen Daseins überhaupt? Ich frage mich, ob man noch Menschen, die Motorenölreste und tierische Rückstände für Kuhmägen und andere Pflanzenfresser geeignet halten, als vernunftbegabte Wesen bezeichnen kann? Sind es “vernunftbegabte Wesen”, die im 21. Jahrhundert noch immer rostige “Seelenverkäufer” über die Weltmeere senden? Sind es “vernunftbegabte Wesen”, die Giftstoffe versikkern lassen und rücksichtslosen Raubbau an Rohstoffen betreiben? Sind es “vernunftbegabte Wesen”, die ihre Arbeiter und Angestellten in fernen Ländern unter elenden, menschenunwürdigen Lebensbedingungen und gesundheitsschädigenden Einflüssen schuften lassen und obendrein noch scheinheilig behaupten, daß es ganz in derem Sinne und dem des Fortschritts ihres (Billiglohn-)Landes sei? Ich finde, es ist erneut an der Zeit, daß aus Universitäten und Versammlungsräumen von umweltbewußten Bürgerinitiativen ein noch stärkerer geistiger Wind in die Chefetagen und Amtsstuben hinüberweht! Denn dort wird viel zu selten noch von Tschernobyl und seinen Folgen gesprochen. Der Reaktor ist abgeschaltet, erledigt, vergessen. Ich bemerke, wie sich mancherorts unangenehmes Überheblichkeitsdenken breitmacht, arrogant von technologischer Überlegenheit vor Kaminfeuern gefaselt wird: “Schaut sie Euch doch an, die Russen. Können keine vernünftigen Atommeiler bauen, lassen ihren Fernsehturm wie eine Wunderkerze abbrennen und ihre atomgetriebenen U-Boote absaufen. So etwas wäre hierzulande einfach undenkbar!” Dazu Kopfnicken, als wäre nur Russentechnik risikobehaftet. Erstaunlicherweise waren es nicht russische Ochsen, die vom Rinderwahnsinn befallen wurden, sondern großbritische und deutsche Rindviecher. Und das gibt mir zu denken. Ihnen auch? Auf Ihre Zuschriften freut sich Ihr Juri Klugmann |
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