Alltagskultur

02 / 03 / 1999


Diesen Monat: Im Museum
Alltäglichkeiten in Deutschland und Kanada im Vergleich

Eine kürzere geschichtliche Vergangenheit, aber wesentlich mehr Raum zum Leben. Diese plakative Summe der markantesten Unterschiede zwischen Deutschland und Kanada spiegelt sich auch in der Museumslandschaft beider Länder wider.

Die meisten kanadischen Museums-Neu- und Umbauten wären auf deutschem Boden schon aus Platzgründen in ihrer räumlichen Großzügigkeit so nicht denkbar. Die moderne weltliche “Kathedrale” etwa, die in Ottawa für die National Gallery errichtet wurde, ist ein den Ausstellungsgegenständen gleichberechtigtes, selbständiges Kunstwerk. (Kritiker bemängeln, die imposante Architektur lasse die Exponate in den Hintergrund treten.)

Ein riesiger Eingangsbereich wie in der National Gallery in Ottawa, bei dem ein großer Prozentsatz der Grundfläche für Besucherrampen, Treppen und Aufgänge – und nicht für Ausstellungsräume – verwandt wird, würde in Deutschland angesichts knappen Baulands und hoher Energiekosten so manchen Museumsbauherrn abschrecken. Dort ist ein reiner Museums-Neubau ohnehin die Ausnahme, nicht die Regel, denn meist muß an historisch gewachsene Bauten vom Anfang des 19. Jahrhunderts angebaut werden, die selbst unter Denkmalschutz stehen und eigene restauratorische Probleme aufwerfen. Von den Dimensionen nordamerikanischer Kunsttempel, die selbst den immer größeren Video-Installationen des 20. und 21. Jahrhunderts ausreichend Platz bieten, können bundesrepublikanische Sammlungen nur träumen. In ihnen lagert weit mehr in den Depoträumen im Keller, als tatsächlich an den Wänden ausgestellt werden kann. Und anders als in den meisten nordamerikanischen Museen umspannen ihre Sammlungen mehrere Jahrhunderte.

“Sammeln – zeigen – bewahren” lautet das offizielle Mandat jeder öffentlichen Kunstsammlung. Sammeln und Bewahren kosten allerdings in der Regel mehr Geld, als das Zeigen einbringt. In den letzten sieben Jahren ist die Zahl der Museen in Deutschland von 4.300 auf stolze 5.300 gestiegen, doch die Besucherzahlen sinken. Zeit also zum Umdenken und Zeit zur Übertragung amerikanischer Verhältnisse auf die deutsche Museumslandschaft – eine Strategie, die von Fachleuten noch vor wenigen Jahren als unseriös und effekthascherisch verschrien wurde. Die in Nordamerika obligatorischen “giftshops” haben in Form von Museumsläden auch in Deutschland Einzug gehalten, wobei man sich allerdings glücklicherweise bemüht, Artikel anzubieten, die zum jeweiligen Ausstellungsprogramm einen direkten Bezug haben. Noch jedenfalls finden sich weitaus mehr Bücher und Kunstdrucke im deutschen Sortiment als van Gogh-Krawatten oder “Scherzartikel” wie Munchs “Schrei” zum Aufblasen.

Der großzügige Eingangsbereich der National Gallery in Ottawa, Kanada

 
Langsam, aber stetig setzt sich in Deutschland die Erkenntnis durch, daß ein Museumsbetrieb ohne Marketingstrategien, “fundraising” und gute Öffentlichkeitsarbeit nicht wirtschaftlich tragbar sein kann. Außer Kunsthistorikern und Museumspädagogen finden sich nun Pressereferenten und Public Relations – Fachleute im deutschen Museumspersonal – in einer Minderheit. In nordamerikanischen Museen werden dagegen die Kunstwissenschaftler eine aussterbende und fälschlicherweise für überflüssig gehaltene Spezies. In Kanada und Amerika wird Museumsdirektor größerer Häuser nämlich nur noch, wer ein gutes Händchen im Anwerben privater Sponsoren und Erfolge mit Besuchermassen sehr anziehenden “Blockbuster”-Ausstellungen nachweisen kann. Der weitere Ausbau, die Konservierung und die methodische Präsentation der Museumssammlung tritt gegenüber einem reinen Ertragsdenken zurück.

Ohne Privatisierung und Kultursponsoring geht angesichts leerer öffentlicher Kassen in deutschen Museen mittlerweile nichts mehr. Hubertus von Sonnenburg, Kunsthistoriker und Gemäldekonservator, der aus München ans Metropolitan Museum in New York wechselte, brachte in einem Interview mit der “Zeit” die unterschiedliche Einstellung deutscher und amerikanischer Museen zur Öffentlichkeit auf eine prägnante Formel: “In Europa wollen die Museumsleute doch eigentlich gar kein Publikum. Es geht nur darum, was die Kollegen denken – unmöglich.” Tatsächlich widmen sich viele deutsche Museumsleute lieber der Forschung als der Vermittlung und dem Zugänglichmachen von Kunst. Und so manchem Kustos wäre es heimlich wohl wirklich am liebsten, wenn nur Kollegen seine Sammlung zu ausschließlich wissenschaftlichen Zwecken betreten würden. Dies erklärt sich allerdings auch daraus, daß in Deutschland fast alle Museen jahrhundertealte Kunstwerke in ihren Sammlungen haben, die aufgrund ihres Zustands eine äußerst behutsame Behandlung verlangen. Ein Verleih solcher Werke zu Ausstellungen oder hohe Besucherzahlen mit ihren Auswirkungen auf das für alte Gemälde entscheidende Raumklima bedeuten Risiken für den Bestand. So entstehen naturgemäß Konflikte zwischen “Bewahren” und dem profitablen “Zeigen”.
Diese Probleme sind im nordamerikanischen Raum weniger extrem, weil das Gros der dort ausgestellten Kunst jüngeren Datums und damit meist weniger “schonungsbedürftig” ist. Immerhin werden in Deutschland die öffentlichen Museumsführungen noch von den hauseigenen Wissenschaftlern übernommen. Vom Volontär bis hin zum Direktor sind die im Museum tätigen Kunsthistoriker für Führungen und öffentliche Vorträge verantwortlich. Das ist zwar keine preiswerte Lösung, garantiert aber eher inhaltliche Qualität als das nordamerikanische System, das aus Kostengründen diese Bereiche ganz auf ehrenamtliche Helfer abwälzt: Unentgeltlich (oder verschwindend schlecht bezahlt) übernehmen Laien nach kurzer museumsinterner Schulung das Gebiet Kunstvermittlung/Museumspädagogik. Dadurch haben die Wissenschaftler aus der Museumsverwaltung so gut wie keinen direkten Kontakt zum Besucher mehr, dessen Interessen sie bei ihrer Arbeit eigentlich berücksichtigen müßten. Schlimmer noch: Arbeit mit dem Publikum, das Erklären und “Zeigen” werden zu Museums-Anliegen zweiten Ranges deklariert, für die bezahlte Mitarbeiter nicht entbehrlich sind. Dabei muß gerade in Nordamerika beim Umgang mit dem Museumspublikum oft wichtige Grundlagenarbeit geleistet werden.

Der Unterschied zwischen Original und Reproduktion ist vielen Schülern in der neuen Welt ebenso unverständlich wie die Tatsache, daß Gemälde an Museumswänden durch Berühren Schaden nehmen. In Europa, wo durch eine höhere Museums- und Altertums-“Dichte” ein respektvoller Umgang mit historischen Gegenständen im Alltag selbstverständlicher ist, braucht dergleichen nicht erst erklärt zu werden.

Dr. Manya Brunzema



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