Die Tierschützer werden
sich besonders freuen: Nashörner sehen nicht mehr länger wie vertrocknete Nilpferde aus, Tiger dürfen ihre Penisse behalten, Stiere ihre Hoden. Nur die Spanische Fliege stirbt urplötzlich aus. All dieses Zeugs, das der Mann jahrhundertelang aus der Männlichkeit der wildesten
Tiere extrahiert hat, um animalische Wucht zwischen die Lenden zu bekommen, tut jetzt nicht mehr not. Nie wieder Sellerie und Potenzholzpuder! Fauna
und Flora kommen ins Lot.
Herrschaftszeiten. Fast zweitausend Jahre nach Christi Geburt geht alles wieder von vorne los, nur daß jetzt die Welt ein blaßblauer Rhombus ist: VIAGRA. Was für ein Zauberwort. Ein Machtwort wie “Globalisierung” oder “Atombombe”. Ein Stichwort im wahrsten Sinne. Viagra steht noch nicht
einmal im Duden, da wird es schon in Kreuzworträtseln abgefragt. Komischerweise unter 23 Senkrecht – eine Sache des Blickwinkels, sicher. Kreuzworträtselautoren geht der Sinn für Feinheiten ab.
Nicht nur Bumsblätter machen mit dem Thema auf, auch Spiegel, Stern, Focus und alle, alle, alle. Eine Art multi- medialer Orgasmus ist im Gange, furioser noch als bei Lady Di’s Tod, dem Elchtest, der Rede Trapattonis oder Guildo Horn. Keiner kann mehr davon aufhören. Es wurde Zeit,
daß die Fußball-Weltmeisterschaft anfing und sich danach ein Sommerloch auftut wie noch nie. Bis dahin geht es Phallerie, Phallera. Im Tagesspiegel beispielsweise hat Hellmuth Karasek die Pille in die Literaturgeschichte eingeführt, sie in Goethes Faust getan und gestanden: “Der Faust ist,
wir geben es gerne zu, ein männliches Stück. Frauen sind Opfer, Potenz-Opfer auf dem Altar männlicher Selbstverwirklichung und Vermehrung.”
Zeilen tiefer fragt er sich oder wen sonst: “Wird sich unser aller Leben total und radikal ändern? Darf sich neue Hoffnung, neue Furcht breitmachen, nach dem Motto: Der Wüste lebt?”
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Fein. Da möchte ich fragen: Wird das Literarische Quartett verlottern zum flotten Vierer? Aus Furcht vor
der Hoffnung? Wer macht den Altar, wer kriegt die Kinder? Fünf Tage zuvor hatte Karasek noch eine anständige Kritik zu Woody Allens neuestem
Film geschrieben. Dann konnte selbst er nicht mehr an sich halten. Bei SAT. 1 war die Wüstenei fast schon live auf Sendung: Das Magazin Akte
98 hatte für drei Paare verschiedenen Alters und dementsprechender Konstitution Hotelbetten gebucht, je eine Viagra spendiert und die dann
machen lassen. Die fröhlichen Probanden schilderten im Studio Einzelheiten. Es schien, als hätten sie alles auch nach einer Flasche Spumante schaffen
können. Nichts zum Staunen.
RTL wird eine Viagra-Show basteln, in der man Jahresrationen gewinnen kann
und Spranzbänder gegen Leistenbruch: “Steh mir bei!” Heikle Fälle
(“Schwerenotruf”) werden zu Hans Meiser überwiesen, und die ganz Schlimmen
treffen in der ersten TV-Selbsthilfegruppe zusammen und flehen: Bitte melde
mich! Dort werden Plätze in der geschlossenen Anstalt verlost. Auch
die Werbemittelbranche rüstet sich zum Merchandising-Kreuzzug. Der
erste immerspitze Bleistift mit Viagra-Logo soll in den nächsten Tagen
auf den Markt geworfen werden. Die Wissenschaft der Phallistik wird geboren.
Akademische Viertelstunden dauern einen halben Tag. Forschen, forschen,
nochmals forschen. In einer Zeit, in der sich die Libido des amerikanischen
Präsidenten ursächlich auf die Börsenkurse an der Wall Street
auswirkt, ist fest damit zu rechnen, daß mit Viagra auch der Organismus
Weltwirtschaft und die daran hängende Politik völlig aus den
Fugen geraten werden. Koitus globalis.
Beinahe zeitgleich zur Bundestagswahl im Herbst soll die Tablette in Deutschland
auf den Markt kommen. Damit gehen die lauen Zeiten dahin, als im Bundestag
noch die Toskana-Fraktion alle Genußsüchtigen versammelte. Eine
Viagra-Fraktion indessen stünde sozusagen für den längsten
gemeinsamen Nenner im Parlament. Eine Art immerwährende Stabilitätspolitik.
Der Aufschwung kommt bis sonstwohin. Die Leute wären viel länger
weg von der Straße. Roman Herzog sollte unter diesen speziellen Gegebenheiten
‘mal wieder eine schöne Rede zum Ruck halten.
Aber versteifen wir uns noch nicht so sehr auf lauter zauberhafte Vorstellungen
von der Welt danach. Kritische Erektionen auf das “Blaue Wunder” kommen
nicht von ungefähr, und sie bringen erstaunliche Dinge ans Licht.
Die Päpstin Alice Schwarzer gibt in einem Interview bekannt: “Zwar
sind sich die Körper von Männern und Frauen ja ganz ähnlich:
Auch Frauen haben Schwellkörper und eine Art Penis, die Klitoris.
“Aber es gelte dasselbe wie für Männer: “Sexualität ist
viel mehr als ein Blutstau.” Das haut hin. Aber: Ein Damenfahrrad ist auch
eine Art Fahrrad. Nur das es eben noch viel, viel später erfunden
wurde. Allein bei Barbie und Ken war es ausnahmsweise andersrum. Darauf
wird sie sich noch mal berufen, wenn sonst nichts mehr zu retten ist. Frau
Schwarzer regt sich auf: “Viagra fördert lediglich den männlichen
Narzißmus: Jedes Würstchen ein Tarzan.” Sie hat aber ein Einsehen,
daß die Pille auch den Männern nicht guttäte, weil sie
Stimmungen und Probleme verdecke, die sich körperlich niederschlagen.
Ich nehme gar kein Viagra – und fühlte mich trotzdem flau, als ich
das las. Blutstau im Kopf.
Nach den eigentlichen Spezialisten will ich dann doch noch die nüchternen
Experten zu Wort kommen lassen. Einer meiner Onkel ist Apotheker, und hat
mir das Fachblatt seiner Zunft zukommen lassen. Pröbchen gibt’s leider
noch keine. Ich hatte darauf gehofft, in der Sprache der Kliniker verfaßte
Artikel zu finden, die sich wie Gebrauchsanweisungen für Schlagbohrmaschinen
lesen. So ähnlich soll’s ja angeblich gehen: Black und Decker… Aber
ich las nur lustlosen Kram: “Der arterielle Einstrom wird gesteigert, gleichzeitig
wird der venöse Abfluß gedrosselt…” Danach wurde durch V. erhöhte
Fließgeschwindigkeit abgehandelt. Und daß es als eine der wenigen
Nebenwirkungen “Effekte auf den Darm” geben könne. Etwa Durchphall?
Ich hatte bis dahin nur von Sehstörungen und wenigen Toten gehört.
Dann habe ich noch erfahren, daß Männer, die zusätzlich
unter Zeitdruck leiden, bald auf “Viagra rapid” zurückgreifen können.
Die wirkt in Minuten und ist was für die New Fast-Fuck-Generation.
Es ist leider ein teurer Spaß. Pay of life.
Den besten Tip, viel Geld zu sparen, bekam man bei Talk im Turm: Ein Urologe
erzählte, daß wesentliche Substanzen von Viagra auch in einigen
stinknormalen Farbverdünnern vorkämen. Schnüffeln als Vorspiel.
Alles in Obi. Wir warten ab und werden es kommen sehen. Übrigens müßte
der Begriff Viagra in der nächsten Duden-Ausgabe kurz vor Vibrator,
genau gesagt: zwischen Viadukt (Talbrücke, Überführung)
und Viatikum (kath. Kirche; dem Sterbenden gereichte letzte Kommunion)
auftauchen. Das wäre ein herausragender Platz in unserer Kulturgeschichte. |