Editorial Februar 2001

               
 

Liebe Leser,

der Tatort war nicht etwa unsere Straße in Freital oder unser gut einzusehender Hof, sondern eine stille Ecke zwischen Schuppen und Waschhaus. Ein Nachbar ertappte mich, als er von der Schicht nach Hause kam. Ich war 14 Jahre alt und steckte mir im Kreise Gleichaltriger protzig eine Zigarette der Marke “Salem” an. Der Nachbar riß sie aus meinem Mund und gab mir eine Ohrfeige, kräftig und nachhaltig. Nach dieser handgreiflichen Standpauke habe ich bis zu meiner Einberufung zur Marine nicht mehr geraucht. Auch ist mir in eindrücklicher Erinnerung geblieben, daß ich einst von meinem Lehrmeister einen Tritt in den Hintern bekam, als ich nicht so spurte, wie er es von mir erwartete. Nicht, daß ich das gut fand, erlaubt war es in den 60er Jahren auch nicht mehr, mit Lehrlingen so umzugehen, doch ich wußte ganz genau, daß ich im Unrecht war. Außerdem war ich mir damals sicher, daß mir kaum ein Beamter zur Seite gestanden hätte. Eine Ohrfeige, ein handgreiflicher Rüffel für einen Burschen – mein Gott, was macht das schon.

Sicher, früher war alles ganz anders, aber warum erzähle ich diese alten Geschichten? Vielleicht erging es Ihnen ähnlich. Fühlen Sie sich in Ihrem Gerechtigkeitsempfinden öfter als früher verletzt? Wenn JA, was tun Sie in einem solchen Fall? Greifen Sie ein oder schauen Sie weg, wenn Sie bemerken, daß gesellschaftliche Normen und Werte von anderen Bürgern verletzt werden? Mir fällt es, ehrlich gesagt, im Alltag immer schwerer zu entscheiden, ob ich nicht besser wegschaue, wenn ich beispielsweise sehe, daß anderer Leute Kinder im Supermarkt stehlen oder Jugendliche mit der Sprühdose ein frischverputztes Haus verunzieren. Ja, ich muß zugeben, daß der Aufruf von Politikern, Lehrern, Polizisten und Journalisten, mehr Zivilcourage zu zeigen, auch bei mir eher Befangenheit hervorruft, als meinen Tatendrang zu beleben. Ja, früher wäre ich gewiß mutig dazwischengesprungen, wenn ich bemerkt hätte, daß ein betrunken heimkehrender Nachbar Autoantennen abbricht oder gar seine zeternde Frau ohrfeigt. Aber heute? Ich weiß nicht, wie ich mich in dieser oder einer anderen unvorhersehbaren Situation verhalten würde. Es geht mir wohl wie vielen meiner Mitbürger: Es sind Alltagserfahrungen, die mich zur größeren Zurückhaltung mahnen und lieber den Weg des geringsten Risikos wählen lassen.

“Mehr Zivilcourage zeigen!”, fordern Politiker und Behörden. Ja, wie denn, meine Damen und Herren, wenn Sie Gesetze beschließen, die das mutige Parteiergreifen für Bedrängte immer fragwürdiger werden lassen? Wenn selbst Staatsoberhäupter zugeben müssen, daß sie sich nicht an Gesetze gehalten haben? Wenn selbst Landesväter und Minister ihrer Vorbildrolle nicht mehr gerecht werden und bei Unehrlichkeiten ertappt werden, wie können wir dann von unseren Landeskindern Redlichkeit erwarten? Ist es nicht so, daß wir vor lauter Liberalismus heute in eine Situation geraten sind, wo schon unsere Kinder alles über ihre Rechte wissen, aber nicht im gleichen Maße über ihre gesellschaftliche Verantwortung aufgeklärt und “in die Pflicht genommen” werden? Ich frage mich und Sie, liebe Leser, ob es denn richtig ist, darüber hinwegzusehen, daß unseren Kindern und Enkeln nicht mehr so wie früher vermittelt wird, ihre Lehrer und Erwachsene zuerst zu grüßen, älteren und gebrechlichen Menschen in öffentlichen Verkehrsmitteln einen Platz anzubieten oder es nicht als “Kindesmißhandlung” anzusehen, wenn den Eltern mal die Hand ausrutscht? Muß es denn sein, daß Schüler mancherorts bereits das Recht haben, ihren Eltern die Zeugniseinsicht zu verweigern? Weil der Datenschutz, so wichtig er ist, zu einem Fetisch wird, der selbst die Familie dominiert und sie oft an der Wahrnehmung ihrer Pflichten hindert?

Beginnt es nicht schon hier, wo man durch zu strenge Gesetzgebung Eltern direkt und indirekt daran hindert, ihre Verantwortung bei der moralischen Erziehung ihrer eigenen Kinder und ihrer Freunde wahrzunehmen? Immer mehr Lehrer und Lehrerinnen konzentrieren sich nur noch auf die Wissensvermittlung. Wissen sie doch, daß sie im fortschreitenden Liberalisierungsprozeß kaum noch Einflußmöglichkeiten haben. Ist es denn unter diesen Umständen noch verwunderlich, daß es heute gerade in Staaten, die nicht müde werden, sich selbst als “zivilisiert” und “demokratisch” zu bezeichnen, und es in der Regel auch sind, polizeiliche Drogen- und Waffenkontrollen am Schultor geben muß? Ist dieser Preis der Demokratie tatsächlich unvermeidbar? Wenn es, im Gegensatz zur kulturellen Situation in vielen Entwicklungsländern, gerade diese Länder sind, wo brutalster Gewalt im Film Tür und Tor geöffnet wird? Wo bleibt die bei anderer Gelegenheit gern beschworene moralische Vorbildrolle der “führenden Industrienationen”, wenn in diesen Ländern geistig flache Fernsehserien zu sehen sind, deren talentierte Hauptdarsteller sich zu rüden, dummen Sprüchen, dazu in schlechtem Deutsch, hergeben müssen und damit eine Lebensweise gesellschaftsfähig machen, die früher im Volksmund schlichtweg als asozial bezeichnet worden wäre?

Bitte verstehen Sie mich richtig. Ich plädiere keineswegs für die Wiederbelebung des preußischen Kadavergehorsams mit seinen militaristischen Auswüchsen. Aber gut würde ich es finden, wenn das “Preußenjahr” nicht nur als kulturelles, touristisches und kommerzielles Ereignis genutzt wird, sondern Anlaß einer weltweiten Diskussion über preußische Tugenden würde, an der sich deutsche Klubs, Schulen und Sprachzentren im Ausland beteiligen sollten. Lassen Sie uns über die Licht- und Schattenseiten des “alten Fritz”, der sich selbst als “ersten Diener seines Staates” sah, diskutieren. Ich bin kein Anhänger der Prügelstrafe, aber für die Wiederbelebung mancher preußischer Tugenden, wie Pünktlichkeit, Disziplin, Treue und Redlichkeit aber auch Toleranz gegenüber Andersdenkenden, hätte ich absolut nichts einzuwenden. Und darum habe ich mich an die alte Geschichte aus meiner Kindheit erinnert. Und was ist Ihre Meinung? Auf Ihre Zuschriften freut sich

Ihr Juri Klugmann

       
     
       

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